Archiv für Mai 2007

Familie, Päderastie und Kapitalismus

Ich habe mal versucht in ein paar Sätzen zusammenzufassen, was Kapitalismus, also die Wirtschaftsform, die unsere Gesellschaft bestimmt, und die bürgerliche Kleinfamilie miteinander zu tun haben und was die Päderastie da für eine Rolle spielt:

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I believe in love again

Listen to the boulevard, listen to the falling rain
I believe in love now, with all of its joys and pains
Follow the palm trees under the California sun
I believe in love now, I believe in love again

Das singt Mike Ness in „Highway 101″ von Social Distortion, und das fasst meine momentane Lebenssituation eigentlich ganz gut zusammen. Ich glaube wieder an die Liebe. Nachdem ich jahrelang der festen Überzeugung war, mich einfach nicht mehr verlieben zu können so wie ich mich in meiner Pubertät verliebt habe, erwischte es mich ganz plötzlich und heftig und schon war ich wieder drin und musste ganz neu lernen, mit mir und meinen Gefühlen zurecht zu kommen. „Love comes quickly“ singen die Pet Shop Boys, eine ganz andere Liga, aber auch die haben Recht: die Liebe kommt verdammt schnell, und sie geht viel zu langsam, wenn man dann feststellt, dass sie doch mehr „pains“ als „joys“ bringt. Aber die bin ich bereit in Kauf zu nehmen, denn ich weiß jetzt, endlich, was ich bin, was ich fühle, was ich will, und das ist eine ungeheure Erleichterung. Ob die noch größer wird, wenn ich meine Entdeckung anderen auch persönlich mitteile? Ich weiß es nicht, zu groß sind die Vorurteile und negativen Einstellungen gegenüber Päderasten noch verwurzelt in den Köpfen auch kluger Menschen, und eine Ablehnung würde ich wohl nicht so leicht verkraften. Dennoch: ich fühle mich freier als je zuvor, ich habe mich angenommen wie ich bin, und das ist doch schon mal etwas. Welt, ich komme!

Grand Island – Us Annexed

Wer mal nachempfinden möchte, was gesellschaftliche Ächtung und staatliche Verfolgung von pädophilen Menschen ganz konkret anrichten können, der möge mal hier nachlesen.

Ich könnte kotzen.

Buchtipp: Heimliche Freundschaften

Warum sollen wir denn auch ewig nachgeben? Sind wir immer im Unrecht, weil wir Kinder sind? Sind Kinder vielleicht keine menschlichen Wesen? Sollen wir als einzige nicht das Recht haben, zu lieben? Bei uns beiden jedenfalls wird alle Mühe vergeblich sein. Weder Eltern noch Lehrer können uns daran hindern, daß wir uns lieben.

Dies schreibt der 12jährige Alexander an seinen 14jährigen Geliebten Georges in Roger Peyrefittes klassischem Schwulenroman „Heimliche Freundschaften“ (Les Amitiés particulières), der erstmals 1944 erschien und seinem Autor, dessen Erstlingswerk er ist, direkt einen Preis, aber auch einen handfesten Skandal einbrachte, thematisiert er doch amouröse Beziehungen zwischen Jungen sowie die päderatische Liebe von Priestern zu ihnen in einem erzkonservativen katholischen Internat. Bedingt durch sein Alter ist die Sprache des Romans sowie der Aufbau der Erzählung nicht mehr zeitgemäß, was dem Ganzen aber auch einen besonderen Reiz und der Liebe der Jungen zueinander eine besondere Tiefe verleiht. Es ist einfach wunderschön, wie der Dichter, übrigens selber Päderast, die langsame Annäherung der beiden und wie er aus der Sicht seiner Hauptfigur Georges den jungen Alexander beschreibt, der so dem Leser vor dessen geistigem Auge als die Personifizierung der Schönheit schlechthin erscheint. Man kann versinken in der gleichsam faszinierenden wie erschreckenden Welt eines katholischen Internats in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, man durchlebt mit Georges die ihm völlig natürlich erscheinende Liebe zu den Jungen und man leidet mit, wenn die Geschehnisse, bedingt durch die maliziöse, heuchlerische Macht des Katholizismus, eine dramatische Wendung nehmen.

Ein großartiges Plädoyer für die Jungenliebe und gegen die Macht der organisierten Religion. Sehr zu empfehlen!

…werde bloß kein Heiliger.

5.9.58. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich am besten mit mir ins Reine komme, wenn ich mich von der Außenwelt isoliere. Also such die Isolation, geh in Klöster, Gefängnisse, oder Wüsten. Das sind die Plätze, wo du Ruhe findest. Bleibe für dich, schließe dich niemandem an, hänge dich an keinen Menschen, meide sie, lebe für dich. Du kannst es, im Grunde verachtest du sie ja alle, bist arrogant, aristokratisch, damit du nicht in Versuchung kommst dich für einen Übermenschen zu halten. Bereue keine Fehler, genieße das Laster, es zeigt dir, daß du dieselben Schwächen hast, wie jeder andere auch. Liebe die Knaben und laß dich lieben, aber lebe; lebe und werde bloß kein Heiliger. Die Schwächen sind es, die uns Mensch bleiben lassen, sonst glaubt man noch, zu den Göttern zu gehören.

(Peter Schult, „Besuche in Sackgassen“, Trikont 1978, Nachdruck im Männerschwarm Verlag 2006; 5. Kapitel „Tagebuch aus der Fremdenlegion“, S. 92 )

Als Päderast in dieser Gesellschaft

Wie es ist, als Päderast innerhalb einer Gesellschaft zu leben, die jede sexuelle Andersartigkeit direkt mit einem Stigma oder gar völlig falsch mit dem Vorwurf der Gewalttätigkeit und Triebhaftigkeit belegt, wusste nicht nur der Anarchist Peter Schult, sondern das erlebt jeder von uns tagtäglich in immer wieder neuen Situationen. Schult hatte, zumindest anfangs, immerhin noch eine aufstrebende linke Szene hinter sich, für die Emanzipation auch die sexuelle Seite einschloss, aber spätestens seit 1985, als Die Grünen sich endgültig von den Pädophilen und Päderasten lossagten, um endlich im demokratischen Deutschland anzukommen, ist auch dieser Rückhalt beinahe vollends erledigt. Was hat das eigentlich für Konsequenzen?

Zunächst einmal wird sich kein Päderast freiwillig outen, da er überwiegend Nachteile davon erführe, und das, obwohl doch, wie die Geschichte der Schwulen-und-Lesben-Bewegung gezeigt hat, das Coming Out in einer heteronormativen Gesellschaft von selbstbewussten Individuuen ein unabdingbarer Bestandteil der eigenen Identität ist (dass eine bürgerliche „Identität“ als solche auch kritikwürdig ist, soll hier nicht Thema sein). Der Päderast lebt also im Grunde ein Leben im Verborgenen und baut sich eine Ersatzidentität auf, mit der er aus dem Verborgenen heraus treten kann. Diese kann aus dem Versuch bestehen, hetero- oder homosexuelle Beziehungen mit Gleichaltrigen einzugehen (was durchaus erfolgreich sein kann, denn Pädophilie muss ja keine ausschließliche Neigung sein), sie kann auch in der Identität des „überzeugten Singles“ münden, der so tut, als hätte er nur flüchtige oder gar keine sexuellen Kontakte („asexuell“), oder aber es wird der Versuch unternommen, das Privatleben durch Verschweigen oder Verschleiern geheim zu halten. In jedem Fall entsteht ein enormer Identitätsdruck, der das Leben empfindlich einschränken kann, wenn keine Strategien zur Sublimierung gefunden werden können.

Eine solche Strategie – auch, um die eigene pädophile Neigung teilweise auszuleben – ist der Einsatz für Kinder und Jugendliche in sozialen oder pädagogischen Berufen. Umgeben von denen, zu denen man sich hingezogen fühlt, kann der Päderast nicht nur eine Art emotionale Befriedigung finden, sondern auch seiner Umwelt vorgaukeln, die Arbeit sei so anstrengend, sie lasse ihm gar keine Zeit für ein Privatleben. Selbstverständlich will ich damit nicht sagen, dass alle Pädagogen oder Sozialarbeiter pädophil wären, aber es würde mich unter dem oben angesprochenen Blickwinkel doch einmal interessieren, wie hoch der Anteil Pädophiler bei ihnen ist – eine Forschungsfrage, die vermutlich in den nächsten Jahrzehnten eher nicht zur Bearbeitung kommen wird, solange Päderasten in den Augen der „Normalen“ vor allem eines sind, nämlich „Kinderficker“. Das hat auch eine gute Seite: die Wahrnehmung der Gesellschaft ist meistens so gestrickt, dass Pädophilie gar nicht erst angenommen wird bei Menschen, die sonst „ganz normal“ wirken. Ich kenne z. B. einen Mann, der regelmäßig einen autistischen Jungen, den er mal als Zivildienstleistender betreut hat, besucht, um mit ihm etwas zu unternehmen. Es ist offensichtlich, dass zwischen den beiden eine tiefe emotionale Bindung entstanden ist – aber würde hier jemand Pädophilie vermuten? Nein, denn der Junge wird nicht missbraucht und freut sich jedes Mal sehr auf die Ausflüge mit seinem großen Freund. Solche Beziehungen sind also tolerabel, solange sie nicht mit Pädophilie erklärt werden – ein Muster, das man, wenn man sich mal durch die einschlägigen Foren wühlt, auch immer wieder bei Kontakten von Pädophilen mit Eltern findet: vielfach herrscht eine ausgesprochen gute Beziehung zwischen dem Mann und den Eltern seines Freundes, aber wehe, er outet sich als Pädophiler, dann wäre Schluss mit lustig, auch auf die Gefahr hin, dass das Kind unter dem Verlust der Beziehung leiden könnte.

Solange also eine repressive heteronormative Sexualmoral uns immer wieder die Normalität von heterosexuellen Liebesbeziehungen aufherrscht, wird das auch nicht anders werden: und deshalb ist es an der Zeit, gemeinsam mit anderen sexualemanzipatorischen Gruppen gegen die herrschende Moral anzukämpfen – wenn sie einen denn lassen. Aber dazu ein anderes Mal.

Ganz klein

Mit einer handfesten Depression aufzuwachen ist sicherlich etwas, was viele einsame Menschen gelegentlich erleben. Die wenigsten von ihnen aber spüren eine ungeheure Erleichterung, wenn sie beim Erledigen der nötigen Einkäufe neben einem lieben kleinen Jungen stehen dürfen, der schüchtern fragt, ob die Bäckerin noch einen Amerikaner für ihn hat. Manchmal sind es die ganz kleinen Dinge im Leben, die ein Weiterleben möglich machen.

Pedophile is the new gay

Momentan scheint es, als ob Pädophile nur noch auf partielles Mitleid seitens der Gesellschaft hoffen können, z. B. wenn sie sich freiwillig einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen und somit die Rolle des „Kranken“ akzeptieren, die in den Jahren vor 1900 den männlichen Homosexuellen zugekommen war. Sämtliche Vorurteile der damaligen Medizin werden heute gesellschaftlich akzeptiert auf Pädophile angewandt: Verführungsvorwurf, isolierter Charakter außerhalb der Gesellschaft, psychopathische Gesamtpersönlichkeit und mangelhafte Ausprägung der Geschlechtsnorm (männlich/weiblich).

(Florian Mildenberger, „Beispiel: Peter Schult. Pädophilie im öffentlichen Diskurs“, Männerschwarm Verlag, 2006, S. 175)

Die Vorurteile im Einzelnen:

- Verführungsvorwurf: Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen (heutzutage wird da aufgrund der allgemeinen Stimmungslage ja nicht mehr unterschieden) entstehen nur auf Initiative des Erwachsenen, und zwar dadurch, dass dieser seine Machtposition gewaltsam ausnutzt. Wurde dies früher allen Homosexuellen angelastet, sollen es heute nur noch die pädophilen unter ihnen sein, die „die Jugend verderben“ – eine Entwicklung, die nicht zuletzt auch durch die scharfe Trennung zwischen Homosexualität und Pädophilie von der Schwulenbewegung selber begünstigt wurde.
- isolierter Charakter außerhalb der Gesellschaft: pädophil sind immer „die anderen“. Es erscheint undenkbar, dass pädophil empfindende Menschen im eigenen Umfeld, im eigenen Freundeskreis, verkehren, oder dass man gar selber eine solche Neigung hat.
- psychopathische Gesamtpersönlichkeit: Pädophilie gilt als krank und pervers und wird in der Regel gleichgesetzt mit Triebtäterschaft und sexuellem Missbrauch.
- mangelhafte Ausprägung der Geschlechtsnorm: die heteronormative Gesellschaft verlangt ein heterosexuelles Begehren nach Erwachsenen und sonst nichts – Grautöne gibt es nicht, und nur der/die ist ein richtiger Mann/eine richtige Frau, der/die ein solches Begehren aufweisen kann. Dies ist vielleicht der einzige Punkt, von dem auch die Erwachsenen-Homosexualität, sofern sie in ihrer Beziehungsgestaltung weithin akzeptierten Normen folgt, noch betroffen ist.

Der Autor vermutet, dass es noch mindestens fünfzehn Jahre dauert, bis sich an dieser Situation etwas ändert. Ich bin ähnlich pessimistisch.

Lobotomie gegen Volksschädlinge

Noch 1988 behauptete der Gehirnchirurg Peter Mangold stolz in einem Interview zu den Erfolgsaussichten der Operation: „Ich brenne ihm den Trieb weg!“

(siehe unten, S. 61)

In „Beispiel: Peter Schult. Pädophilie im öffentlichen Diskurs“ von Florian Mildenberger kann man nachlesen, dass im vergangenen Jahrhundert dem „Trieb“ pädophil empfindender Männer dadurch versucht wurde beizukommen, dass man ihnen im Gehirn herumstocherte. Die Lobotomie, euphemistisch „Psychochirurgie“ genannt, ist mittlerweile zum Glück nicht mehr aktuell bzw. wurde erst durch die „chemische Kastration“ (pharmakologische Behandlung) und seit neuestem durch die Fokussierung auf die Täterprophylaxe (siehe kein-taeter-werden.de) abgelöst. Diese im Grunde positive Entwicklung (immerhin keine Körperverletzung mehr!) demaskiert sich aber nun schon dadurch, dass es hier eben nicht darum geht, Pädophilen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu helfen, sondern der Pädophile wird als Täter vorausgesetzt, als Gefahr für die Gesellschaft – dieser soll also geholfen werden, nicht dem Pädophilen. Die Berliner Charité reiht sich damit ein in das seit einem Jahrhundert bestehende Konzept der Volksgemeinschaft, die sich gegen Pädophilie schützen müsse.

(Das in dem Zitat angesprochene Interview befindet sich übrigens hier in der Sammlung der PRD.)