Familie, Päderastie und Kapitalismus

Ich habe mal versucht in ein paar Sätzen zusammenzufassen, was Kapitalismus, also die Wirtschaftsform, die unsere Gesellschaft bestimmt, und die bürgerliche Kleinfamilie miteinander zu tun haben und was die Päderastie da für eine Rolle spielt:


Dass wir in einer Gesellschaft leben, die in ihrer Gesamtheit als kapitalistische funktioniert, also dergestalt, dass das Diktat des Kapitals und der Profitvermehrung über allem steht und der Staat als Instanz darüber wacht, dass das auch so bleibt, sollte allgemein bekannt sein. In dieser Gesellschaft zählen Leistung, Gesundheit, psychische Stabilität als wesentliche Merkmale des normalen, richtigen Lebens als einem Leben, das zu allererst darauf ausgerichtet ist, die eigene Arbeitskraft an Kapitalisten zu verkaufen, die einem dann den Gegenwert dafür zahlen, damit man überleben kann.

Der heterosexuelle Lebensentwurf der bürgerlichen Kleinfamilie ist dabei ein wesentliches Mittel zur Stabilsierung der Bedingungen, die kapitalistische Lebensmuster überhaupt erst ermöglichen: es gibt einen Mann, der arbeitet, eine Frau, die ihm „den Rücken freihält“ und ein bis drei Kinder, die den Familiennamen weitertragen und für einen harmonischen Ausgleich des durch kapitalistisch bedingte Schädigungen deformierten Lebens in Form des privaten Familienglücks sorgen sollen. Papi arbeitet, Mami kocht das Essen und versorgt die Kinder, und wenn Papi nach einem harten Tag nach Hause kommt, spielt er – wenn er ein guter Papi ist – ein wenig mit ihnen oder wünscht sie – wenn er ein schlechter Papi ist – zum Teufel. Nachts wird Mami dann bestiegen, wenn durch den alltäglichen Lebenstrott noch nicht völlig tote Hose ist. Das ist das bürgerliche Glücksversprechen, das uns auferlegt werden soll, das ist das Leben, das wir leben sollen, damit dieses System, durch die Trennung von Lohnarbeit (Papi) und Haushalts- bzw. Reproduktionsarbeit (Mami) ,weiter fortbestehen kann.

Die Schwulen und Lesben waren ein erster Angriff auf dieses System. In den 80er Jahren, als Homosexualität noch politisch war, setzte sich vor allem diese Bevölkerungsgruppe gegen das heteronormative bürgerliche Glücksversprechen zur Wehr, indem es davon abweichende Lebensentwürfe lebte und propagierte. Davon ist heute nichts mehr übrig: die Schwulen und Lesben sind im politischen Strom der Grünen fröhlich mitgeschwommen und fordern jetzt sogar das Recht auf „Homo-Ehe“ ein, auf eine grundlegend reaktionäre Institution also. Man möchte wie die Guten, wie die Heteros, sein, man möchte auch heiraten und Kinder kriegen – von einem politischen Anspruch, der über das bürgerliche Leben hinaus geht, sind Schwule und Lesben heutzutage meilenweit entfernt. Und wie sieht es mit den Pädos aus, den Pädophilen und Päderasten?

Mir ist bei der Lektüre verschiedener (homosexueller) Pädoforen eines klar geworden: die sexuell am meisten marginalisierte Gruppe fühlt sich geradezu wohl in der Nische, die ihnen von der Gesellschaft eingerichtet wurde. Das Internet hat einen Raum zum Austausch geschaffen, der ein öffentliches Auftreten und damit ein progressives, ein sexualemanzipatorisches Moment, scheinbar überflüssig hat werden lassen: anstatt wütend gegen die Heteronormativität und die Diskriminierung der eigenen Existenzweise zu protestieren, setzt man sich ein lustiges Jungenbild unter seinen Nickname und plaudert unbefangen über seine „BFs“, womit diejenigen Kinder und Jugendlichen gemeint sind, mit denen der jeweilige User enger befreundet ist. Nun will ich niemandem daraus einen Strick drehen, im Gegenteil, ich kann es sehr gut verstehen, wenn man sich nicht outen möchte und einen sicheren und bequemen Ort zum Austausch sucht, und wenn man von haus aus politisch desinteressiert ist, wie es ohnehin die meisten Menschen sind, kommt man vermutlich nur sehr schwer auf den Gedanken, dass die eigene Lebensweise auch ein politisches Moment haben könnte.

Es liegt allerdings schon sehr nah: wo die bürgerliche Kleinfamilie als Keimzelle des Kapitalismus gilt, als denjenigen Ort, den Konservative ja auch immer wieder gegenüber „Linksextremisten“ verteidigen, da muss es doch auffallen, dass die Art zu lieben, die ein Päderast pflegt, hier komplett entgegengesetzt ist: nicht der Nutzen für die (kapitalistische) Gesellschaft steht bei dieser Form der Liebe im Vordergrund, sondern nichts anderes als die Liebe zweier Menschen zueinander. Der Päderast tut nichts für das Fortbestehen der gesellschaftlichen Ordnung, wenn er – in der öffentlichen Wahrnehmung als „Single“ – einen jungen Freund liebt, denn dieser kann nicht die Funktion übernehmen, die die Frau für den heterosexuellen Mann übernimmt. Vielen bleibt deshalb, auch weil sie sich nicht trauen, anders zu leben, nichts anderes übrig als den Weg des geringsten Widerstands zu gehen: sie nehmen sich eine Frau, kriegen vielleicht sogar Kinder, und treffen sich heimlich mit den Strichern oder freuen sich immer ganz besonders, wenn sein kleiner Neffe zu Besuch kommt. Der Kapitalismus schädigt den Päderasten also ganz unmittelbar, weil dieser eine ihm nicht nützliche Form zu lieben pflegen möchte. In Anlehnung an den berühmten Spruch von Rosa von Praunheim kann man also konstatieren: Nicht der Pädophile ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, oder: nicht der Päderast, sondern die die Gesellschaft, die uns immer wieder in die Lage versetzt, eine perverse Situation erdulden zu müssen, ist das, was abzuschaffen wäre. Versuchen wir’s doch mal!


9 Antworten auf “Familie, Päderastie und Kapitalismus”


  1. 1 nichtidentisches 04. Juni 2007 um 16:02 Uhr

    So ein funktionalistischer Blödsinn. Eine ausgewachsene Pädophilie gründet auf einem grundlegenden Irrtum, einer Projektion: Dass das Kind nicht nur emotionale Zuneigung, sondern den sexuellen Akt suche. Daher kommen sich Pädophile auch kreuzgut vor, denn sie tun ja in der eigenen Wahrnehmung nur das beste fürs Kind, sind also einem rationalen Urteil und Empathie kaum mehr zugänglich, da das Kind vollständig zur Projektionsfläche gerät und jedwede Handlung ihm als Bestätigung der eigenen Wünsche ausgelegt wird.
    Das hat mit Kapitalismus wenig, mit Psychopathologie aber viel zu tun.
    Du blendest den gewaltförmigen Teil der Pädophilie aus, und meinst intermediäre Formen erkennen zu können. Vielleicht solltest du dich mal mit Polizisten unterhalten, die das kinderpornographische Material auf beschlagnahmten PCs sichten müssen.
    „Der Kapitalismus schädigt den Päderasten also ganz unmittelbar, weil dieser eine ihm nicht nützliche Form zu lieben pflegen möchte.“
    Der Kapitalismus bietet zum Glück Möglichkeiten, solchen angeblich aus sich selbst heraus freien und guten Lebensstilen Einhalt zu gebieten, im Interesse der gleichen Interessen, vor allem denen der Kinder. Was du vorschlägst ist Kulturalismus, der zynisch Kinder Pädophilen überlassen will, weil das eben ein „alternativer Lebensstil“ sei. So was ist verbrecherisch, barbarisch, dumm und scheinheilig.

  2. 2 Administrator 04. Juni 2007 um 18:29 Uhr

    Gut, der Reihe nach:

    1. Erklär mir doch mal, was „der sexuelle Akt“ ist, von dem du da schreibst. Koitus? Küssen? Oder doch schon Streicheln und Umarmen? Ist dir überhaupt klar, dass es verschiedene Formen der menschlichen Zuneigung gibt (und geben muss, denn jeder Mensch ist schließlich unterschiedlich!) als nur das alte Rein-Raus-Spiel? Und ist „eine ausgewachsene Pädophilie“ eigentlich sowas wie „ein ausgewachsener Schnupfen“?

    2. Wer pädophil empfindet, bei dem habe die Ratio keine Chance mehr, schreibst du weiterhin. Ist es nicht aber eher so, dass jeder Mensch, der sich, in wen auch immer, verliebt, zunächst einmal die Ratio eher ausblendet, Gesten, Aussagen etc. tendenziell irrational verarbeitet? Und wenn’s dann aber nicht klappt, es doch irgendwann einsieht, dass er sich da doch ein bisschen verstiegen hat? Ja, so ist es. Nur wer sich in ein Kind (was auch immer du darunter verstehst) verliebt, der soll deiner Meinung nach auf ewig auf Wolke sieben schweben und zwar allein deshalb, weil DU dieser Liebe eine pathologische Ursache zuschreibst. Tolles Argument!

    3. Den „gewaltförmigen Teil der Pädophilie“ blende ich im übrigen ganz und gar nicht aus, ich weiß, dass es auch Pädophile gibt, die Kindern Gewalt antun, denn das kommt eben vor, auch unter Erwachsenen. Nur kommt deshalb niemand auf die Idee, Beziehungen zwischen Erwachsenen unter den Generalverdacht des Missbrauchs zu stellen, obwohl gerade die Institution der heterosexuellen Ehe enorm viel Gewalt hervorgebracht hat!

    4. Dass du den Kapitalismus super findest, das ist ja allgemein bekannt, das brauchst du bitte nicht noch einmal wiederholen.

  3. 3 Kurt Hartmann 09. Juli 2007 um 17:08 Uhr

    Hallo Ganymed,

    Deine Beschreibung des Kapitalismus als familienabhängig kann ich nicht nachvollziehen.
    Als alte Bewegungsschwester, kenne ich die Debatten zur Genüge.
    Der moderne Kapitalismus verlangt nicht mehr nach der Kleinfamilie sondern immer mehr nach dem unabhängigen Single oder dem flexiblen Lebensabschnittspartner.
    Das vagabundierende Kapital bewegt sich per Mausklick. Gerade wieder haben USA und England auf dem G8-Gipfel verhindert dass Hedge-Fonds gesetzlich reglementiert werden.
    Die dürfen also fröhlich weiter hedgen, aufkaufen, zerlegen und ausschlachten. Für den modernen Lohnsklaven wird es daher immer wichtiger flexibel, hoch- und höchstflexibel zu sein. Wird er nach Sao Paulo gerufen, geht er ebenso wie nach New York, Tokio, Paris oder Bangkok. Die Klein- oder Großfamilie, WG oder Regenbogenbindungen sind da ein Klotz am Bein. Bestens gerüstet ist da der ungebundene Schwule, der geht auf die Klappe ficken -weltweit- ist flexibel und hat keine Bindungen am Hals, keine Olle mit Kiddies am Arsch. Der hält sich fit, seinen Haushalt macht er selber oder er bezahlt eine Tussie oder Houseboy, die das für ihn erledigen und im besten Fall Rentenansprüche dabei erwerben. Auch die Hausfrau will zunehmend eigene Rentenansprüche und Geld für Hausarbeit haben und bekommt es.
    Zukünftig bekommt sie auch für’s ficken Geld, dann kann der Hetero sich unter den Professionellen die aussuchen, die es mit ihm am Besten macht.

    Kiddies sind grundsätzlich ein Klotz am Bein, sie kosten allerhand und bringen direkt nichts. Für sie wird händeringend von Rentenpolitkern geworben, die glauben sie könnten zukünftig den Generationenvertrag nicht mehr finanzieren. Dabei wird das Kind über die Maßen als Quell von Liebe, Freude und Lebensglück propagiert, bis es niemand mehr hören kann.

    Die Wirklichkeit sieht aber anders aus.
    Selbst die Unionsparteien werden inzwischen gedrängt, staatliche Kinderbetreuung zu forcieren. Weil Frau berufstätig sein m u s s, seltener auch will und somit besser auszubeuten ist, als wenn sie zu Hause sitzt. Frau wird somit ebenso ausgebeutet wie Mann; am Liebsten von Montag bis Sonntag einschließlich und rund um die Uhr. Weg mit dem Feierabend und Ladenschluss. Da wird es erst richtig profitabel.

    Das Problem mit den Kids löst man am Besten, in dem man sie in professionelle
    Betreuung gibt, in ausbeutbare Lohnarbeit. Die Profis machen das gegen Geld – nicht aus Liebe. Wie zunehmend die gesamte Reproduktion abläuft. Eine Partei, die das nicht aktiv betreibt, gilt zunehmend als rückständig und super zopfig.

    Der Pädo passt hervorragend in das Konzept. Er bringt den Kiddies frühzeitig bei, wie schön Sex ist, was Spaß macht, was sie alles mit ihrem Körper anfangen können. Gleichzeitig lernen sie, dass Partnerwechsel normal ist, ja wünschenswert, wenn sie für den Pädo nämlich zu alt geworden sind. Der bleibt dann entweder längerfristig gut freund oder nicht. Stört aber keineswegs die erforderliche Flexibilität.

    Fazit: Der Kapitalismus an sich integriert problemlos sexuelle Minderheiten wie Schwule, Lesben, Transgender und Pädosexuelle. Nur kulturell konservativ geprägte und überkommene Vorstellungen von Moral und Anstand leisten hinhaltenden Widerstand.

    Kurt Hartmann

  4. 4 Administrator 10. Juli 2007 um 17:14 Uhr

    Hm. Wenn ich dich richtig verstehe, machst du mit deinem Fazit eine Trennung auf zwischen Wirtschaftssystem und Kultur. Nun ist aber der Kapitalismus doch so allumfassend, dass er die kulturellen Vorstellungen von Moral und Anstand in einem nicht geringen Maße mitprägt, und dafür war die bürgerliche Kleinfamilie ein Paradebeispiel. Du hast jetzt insofern Recht, als dass der Kapitalismus in seiner brutalen Rationalität evtl. nicht mehr angewiesen sein könnte auf diese „Keimzelle der Gesellschaft“, so dass diese schon von Konservativen gegen wirtschaftsrationale Bestrebungen verteidigt werden muss.

    Dennoch wird die Normalität der heterosexuellen Zweierbeziehung mit Nachwuchs weiterhin normativ fortgeschrieben und propagiert, durch die Institution der Ehe, durch Fernsehfilme und-serien voller heiler Familienwelt, durch die Werbung etc. Päderastie, Homosexualität, Transidentitäten usw. kommen da kaum vor, weder im Gesetz noch in den Medien. Die Frage ist jetzt, ob der Kapitalismus nur noch etwas Zeit braucht, um die ihm eigentlich gar nicht entgegenstehenden, aber von der Normalität abweichenden Lebensentwürfe zu integrieren oder ob die seiner Logik nicht doch entgegenstehen. Denn es ist doch trotzdem so, dass diese Lebensentwürfe insofern ein Angriff auf den Kapitalismus sind als dass sie keine direkte Funktion für dessen Erhalt erfüllen, anders als eben die bürgerliche Kleinfamilie.

    Ich befürchte aber, dass eher ersteres der Fall ist, dass also der Kapitalismus den Wandel der Moral mittragen wird, dass seine brutale Verwertungslogik da einfach drübersteht. Ich war da wohl etwas zu idealistisch. :(

  5. 5 Administrator 12. September 2007 um 16:28 Uhr

    Eine Ergänzung dazu: die konservative Propaganda, dass die Frau wieder ihre klassische Rolle an Heim und Herd ausfüllen müsste, weil dies „natürlich“ sei, dient ja einem ganz bestimmten systemerhaltenden Zweck: dem der Reproduktion. In einer Gesellschaft, die immer weniger staatliche Gelder für die Reproduktion zur Verfügung stellt, bedarf es der ideologischen Propaganda für die bürgerliche Kleinfamilie, damit die Gesellschaft weiter funktionieren kann. Denn die Kinder in Lohnarbeit zu geben, also z.B. in Kitas oder Horte, können sich längst nicht alle Familien/Frauen leisten. Es bleibt also dabei, dass die bürgerliche Kleinfamilie systemerhaltend für den Kapitalismus ist.

  6. 6 Thommen 26. Oktober 2008 um 12:46 Uhr

    Der Kapitalismus ist sehr anpassungsfähig. Ausserdem kann er die ideologische Propaganda (Kleinfamilie) und die Realität (Lebensabschnittspartner, mobile „Familie“) sehr gut auseinanderhalten und trotzdem auf ersterem beharren. Das gibt den Kleinbürgern das nötige schlechte Gewissen, um den Widerspruch für Disziplinierung zu nützen. Das kennen wir doch schon von der katholischen Kirche. Es entspricht in etwa der verinnerlichten Homophobie von Homosexuellen, die den Widerspruch auch nicht aushalten können, aber trotzdem gehorsam glauben…
    Ausdruck davon sind die verschiedenen „Homo-Ehen“, die eingeführt wurden! Darin drückt sich das heterosexuelle Lebensverständnis aus, obwohl die Realität ganz anders ist – auch bei Heteros!

  7. 7 Peter 14. Januar 2010 um 15:46 Uhr

    Mit Verlaub: Die Kapitalismuskritik ist an den Haaren herbeigezogener Unfug.

    Kapitalismus bedeutet im Kern ja eigentlich nur daß Geld als Mittel des Interessensausgleich eingesetzt wird.
    Wenn ich etwas tun soll – das ich eigentlich nicht tun will – dann kann man versuchen mich mit einer entsprechenden Menge Geld davon überzeugen daß ich es trotzdem mache. Der mit dem Erhalt einer gewissen Geld verbundene Ausgleich läßt das ungeliebte Tun unter dem Strich vorteilhaft erscheinen.
    Kapitalismus sorgt also lediglich dafür daß beie Interagierende zufrieden sind.

    Lustig finde ich (als alter Anarchokapitalist) daß die „Pädos“ in anderen Ländern eher eingefleischte Sozialismus-Feinde sind. Weil sie im Sozialismus ein System sehen das vollkommen willkürlich Menschen ein bewissen Tun und Verhalten abverlangt.

    Nur am Rande bemerkt für den historisch-Interessierten: In der Weimarer Republik wurden die Nazis seitens der Sozialisten und Kommunisten gezielt wegen derer angeblich homophilen Grundtendenz scharf angegriffen. Wenn also die Linke heute so tut als sei Homeophobie etwas Ur-Rechtes – dann ist das eine glatte Lüge!

  8. 8 Sascha 03. August 2010 um 8:45 Uhr

    Dass wir in einer Gesellschaft leben, die in ihrer Gesamtheit als kapitalistische funktioniert, also dergestalt, dass das Diktat des Kapitals und der Profitvermehrung über allem steht und der Staat als Instanz darüber wacht, dass das auch so bleibt, sollte allgemein bekannt sein.

    Ist es aber nicht. Marktwirtschaft ist Freiheit. Es gibt in ihr eben kein „Diktat der Profitvermehrung“ – wem es reicht, wenn er das nötigste zum Leben hat, wird nicht gezwungen, mehr zu erwirtschaften. Arbeitszwang gibt es im Kommunismus – jeder nach seinen Fähigkeiten.

    Der Staat hingegen unterdrückt den freien Markt, im Interesse der etablierten großen Firmen, die alles tun, um Konkurrenz durch staatliche Nötigung zu unterdrücken.

    Der moderne Kapitalismus verlangt nicht mehr nach der Kleinfamilie sondern immer mehr nach dem unabhängigen Single oder dem flexiblen Lebensabschnittspartner.

    Auch das nicht. „Der Kapitalismus“ verlangt gar nichts. Man kann selbst entscheiden, was einem selbst wichtig ist. Der Mensch ist natürlich ein Herdentier, und viele rennen der jeweiligen Mode hinterher, aber das ist und bleibt ihre eigene Verantwortung, sie werden eben nicht gezwungen, der Mode hinterherzulaufen.

    Überhaupt ist die Idee, eine soziale Ordnung als ein Wesen darzustellen, das etwas „verlangt“, problematisch.

    Eine Ergänzung dazu: die konservative Propaganda, dass die Frau wieder ihre klassische Rolle an Heim und Herd ausfüllen müsste, weil dies „natürlich“ sei, dient ja einem ganz bestimmten systemerhaltenden Zweck: dem der Reproduktion.

    Eine alte Verleumdungstaktik: These A dient irgendeinem bösen Zweck B, wer A vertritt, ist deswegen ein Agent von B und gehört verfolgt.

    Wie wäre es, die These A inhaltlich, argumentativ zu widerlegen? Für mich steht nur eine Frage: Ist These A richtig oder falsch. Wenn sie richtig ist, und dann daraus folgt, dass sie ein Argument für B ist, ist dies halt ein Pluspunkt für B, auch wenn mir B vorher völlig unsympathisch war.

    Die Frage ist jetzt, ob der Kapitalismus nur noch etwas Zeit braucht, um die ihm eigentlich gar nicht entgegenstehenden, aber von der Normalität abweichenden Lebensentwürfe zu integrieren oder ob die seiner Logik nicht doch entgegenstehen.

    Ganz eindeutig: Was abweichende Lebensentwürfe betrifft, ist der Kapitalismus die ideale Gesellschaftsordnung. Nicht der Staatskapitalismus, der eher darauf aus ist, freie Konkurrenz im Interesse der etablierten großen Firmen zu unterdrücken, sondern der wirklich freie, nicht staatlich kontrollierte Markt. Auf dem Markt findet sich auch für Aussteiger der verschiedensten Art alles was sie brauchen.

  9. 9 Admin 18. August 2010 um 20:30 Uhr

    Es gibt keinen Kapitalismus ohne Staat, Sascha. Das Kapital benötigt eine Institution, die ihm sein Eigentum garantiert und schützt. Gibt es diese nicht, gibt es ja überhaupt keinen Grund für mich Geld zu bezahlen. Dann setze ich mich einfach mit den anderen Mitgliedern meiner Gesellschaft zusammen und schaue mal, was so benötigt wird. Und das wird dann eben produziert.

    Und das „Diktat der Profitvermehrung“, das du ja bestreitest, besteht darin, dass Kapitalismus ohne Profitvermehrung gar nicht funktionieren würde. Die Vermehrung von Kapital ist ja sein einziger Zweck! Vermehre ich mein Kapital _nicht_, verliere ich auf dem freien Markt meine gute Stellung und bin irgendwann arm. Kapitalismus ohne Konkurrenz und Profitvermehrung ist schlicht nicht denkbar, das ist dann jedenfalls kein Kapitalismus mehr, sondern vielleicht sowas wie das DDR-System, eine Mangelwirtschaft.

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