Archiv für Juni 2007

IBLD

Happy International BoyLove-Day

Moonlight Shadow

The trees that whisper in the evening
carried away by a moonlight shadow
sing a song of sorrow and grieving
carried away by a moonlight shadow…

(Mike Oldfield, „Moonlight Shadow“)

Meine erste große Liebe werde ich nie vergessen. Ich war elf Jahre alt, in der vierten Klasse einer katholischen Grundschule und fürchterlich verliebt in einen meiner Klassenkameraden. C. hatte strohblonde Haare, eine niedliche Nase und wundervolle geschmeidige Lippen. Er hatte, wie alle Menschen, einen ganz eigenen Geruch an sich, den ich heute nur noch erahnen kann. Ich bin sowieso ein sehr olfaktorischer Mensch, aber dieser Junge roch einfach umwerfend. Er war die Schönheit in Person, und ich genoss jede Sekunde mit ihm. Wir spielten Fangen, wir bauten Höhlen, wir streunten durch die Baugruben unseres Wohngebiets, wir waren unschuldige Jungen, und einer von ihnen war ich, der sich vor Sehnsucht zerriss, wenn C. nicht in der Nähe war.

Es gibt ein Lied, das ich mit dieser Phase verbinde, und zwar ist das „Moonlight Shadow“ von Mike Oldfield, gesungen von der wunderbaren Maggie Reilly. Ich saß damals auf der Ladefläche des Kombis meines Vaters und träumte mal wieder von C., und mein Vater machte dieses Lied an. Das Stück trug mich mit seiner herrlichen Kombination aus Melancholie und Lebensfreude einfach nur davon. Neulich hörte ich es mal wieder, und ich bekam einen dicken Kloß im Hals – aus C. und mir ist nie etwas geworden, wir waren immer nur gute Freunde, irgendwann auch das nicht mehr; vor ein-zwei Jahren habe ich ihn mal wiedergesehen, und von dem wunderschönen Jungen von damals ist natürlich nichts mehr übrig geblieben. Dennoch werde ich diese Liebe, wie alle anderen auch, immer in meinem Herzen tragen und an ihn denken, wenn Maggie Reilly vom „Moonlight Shadow“ singt.

Der Kinderfeind. Über Krankheit, Werbung und Missbrauch

„Der Kinderfreund“ hieß das Machwerk, was dem öffentlich-rechtlichen Stammpublikum gestern abend um 20.15 Uhr dargeboten wurde, und es sollte ein Film sein, der ein differenziertes Bild von Pädophilen zeichnet. Und das trifft sogar zu: der Lehrer Michael Liebknecht (mit großen Augen und schmalen Lippen: Fabian Hinrichs) verliebt sich in seine zwölfjährige Schülerin Marlene (süß und selbstsicher: Chantel Brathwaite) und sie sich in ihn. Er hat Angst, dass aus ihrer Freundschaft eine sexuelle Beziehung werden könnte und wendet sich an den Psychologen Bloch (den ganzen Film über heiser und schnaufend: Dieter Pfaff).

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Der Mob formiert sich

Angesichts des „Internationalen BoyLove-Days“ am 23. Juni startet die italienische Kinderschutzorganisation „Meter“ eine Kampagne gegen Pädophile unter dem Motto „Stoppt die Menschenfresser“. Was Kinderliebe mit Kannibalismus zu tun hat, weiß ich zwar nicht, aber diese Meldung bei den Stern-Short-News ist offenbar schon Grund genug für Deutschlands Onlinevolk, endlich mal alles rauszulassen, was man als guter Demokrat viel zu lange hat unterdrücken müssen. Ein paar Beispiele:

Für immer wegschließen keine Gnade für solch kranke Leute!

Abartig sowas auch noch fördern zuwollen, wenigstens gibt es einige pädophile die sich selbst als krank sehen und sich in behandlung begeben

Leute die Pädophile so vehement verteidigen, sind mir irgendwie suspekt. Meine Meinung.

Jeder Schritt, Pädophile als normal darzustellen, ist ein Schlag in die Gesichter missbrauchter Kinder. Und erzähl mir bitte nichts von „Liebe“ zu Kindern, Pädophilie ist sexueller Natur, das hat mit Liebe nichts zu tun!

Ab in die Psychoabteilung mit diesen Geisteskranken. Langsam hackts echt derb.

wenn ich einen von diesem kranken typen jemals treffen sollte, kommt der aus dem krankenhaus nicht mehr raus! (…) was mir das alles so spontan anfällt was ich gern mal mit den machen würde, achja… *träum* =)

Klasse Idee so ne Parade… dann kann man die ganzen Psychos die da hinkommen auf einmal Festnehmen und für immer in die Klapse stecken, das ist die Gelegenheit

Gut, es gibt da auch einige vernünftige Kommentare, aber wieviel Hass, wieviel Gewaltbereitschaft lässt sich da finden gegen das als „anders“ ausgemachte, das einen selbst in seiner Normalität bedroht? Nicht ein Funken Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den tatsächlich von Pädophilie betroffenen Menschen, lieber direkt wegsperren oder gleich totprügeln, das ist die Mehrheitsmeinung. Es ist zum Kotzen!

Wer ist hier eigentlich „krank“?

Folgenden Brief erhielt LitV, der „Verein für belletristische und wissenschaftliche Pädoliteratur“, als Reaktion auf einen Offenen Brief an Klaus M. Beier, den Leiter des Pädo-Therapie-Projekts „kein-taeter-werden.de“ an der Berliner Charité:

Sehr geehrter Herr Burgmann,

Prof. Beier bedankt sich für Ihre ausführliche Stellungnahme zu seinem Interview in der „ZEIT“. Er nimmt Ihre Ausführungen sehr ernst und bedauert, dass er wegen vielfacher anderweitiger Verpflichtungen nicht schon früher hat antworten können.

Vor seiner heutigen Abreise zu einem Kongress hat er mich gebeten, Ihnen noch einmal unsere Position zu verdeutlichen: Eine pädophile Neigung wird zur krankheitswertigen Störung durch Leiden beim Betroffenen selbst oder bei anderen Personen, die durch den Betroffenen verursacht werden. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Neigung muss deshalb vollständige und lebenslange Verhaltenskontrolle zum Ziel haben. [Hervorhebung vom Admin dieses Blogs]

Dass dies ein bedauernswertes Schicksal ist, sagen die Betroffenen selbst, die in dieser Form Verantwortung übernehmen wollen. Diese haben dann eingesehen, dass ein derartiger Umgang mit der pädophilen Neigung sich schon deshalb aufdrängt, weil nicht auszuschließen ist, dass ein Kind Schaden nehmen könnte, wenn es zu sexuellen Handlungen kommt. Das für Ärzte geltende Gebot, niemandem Schaden zuzufügen, bezieht sich auch auf Folgeschäden, die durch die Auswirkungen einer Problematik bei einem anderen Menschen entstehen könnten. Deshalb ist die Verhaltensabstinenz der einzige zielführende Umgang mit der pädophilen Neigung und auch aus arztethischen Gründen gibt es hierzu keinerlei Alternativen.

Prof. Beier bittet, dies zu respektieren und setzt sich dafür ein, dass Betroffene, die sich entschieden haben, einen solchen Weg zu gehen, alle nur denkbare Unterstützung erhalten.

Für weitere wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zum Thema verweist er auf das von ihm mitverfasste Lehrbuch für Sexualmedizin im Elsevier Verlag (2. Auflage 2005).

Mit freundlichen Grüßen auch im Namen von Prof. Beier

verbleibe ich

Madelaine Dimitrowa

Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin
Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften
Universitätsklinikum Charité Campus Mitte
Freie und Humboldt-Universität zu Berlin
Luisenstraße 57, D-10117 Berlin-Mitte
Website: www.sexualmedizin-charite.de
E-Mail: madelaine.dimitrowa@charite.de
Fon: +49 – 30 – 450 529 302
Fax: +49 – 30 – 450 529 992

Was Frau Dimitrowa hier macht, ist genau das, worüber Ausgrenzung sexuell devianter Verhaltensweisen funktioniert: mit dem Argument, dass diese ja eine „Krankheit“ sei, unter der der „Patient“ leide, die „Gattung“ des „Pädophilen“ erst konstruieren, um sich selber dadurch von ihr abzugrenzen. Mit der selben Masche wurde Ende des 19. Jahrhunderts bereits „der Homosexuelle“ konstruiert, wie man u.a. bei lysis nachlesen kann:

Es ist genau diese Logik, aus der heraus der “Homosexuelle” am Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde: indem die Psychiatrie ein verworfenes Subjekt hinter der vom Strafrecht verbotenen Handlung des Analverkehrs konstruierte und ihm eine konstitutive Andersartigkeit zuschrieb.

„Der Pädophile“ als neuartige perverse Spezies strebt die vom Strafrecht verbotene Handlung der intim-erotischen Beziehung mit Minderjährigen an und wird deshalb von der Psychiatrie als „krank“ gebrandmarkt. Noch dazu mit dem völlig unsinnigen Argument, der Pädophile selber leide ja unter seiner „Krankheit“: ja, selbstverständlich leidet er, ihm wird ja schließlich von jeder Seite ständig mitgeteilt, was für ein perverses Schwein er sei, und dass jeder Kontakt mit einem Kind oder gar einem Jugendlichen sofort und auf der Stelle schlimmstes Unheil über diese Person bringen müsse! Die Ursache des Leidens liegt aber doch nicht in der Neigung selber begründet, sondern in dem gesellschaftlichen Umgang mit ihr, inkl. schlimmster staatlicher Repression. Und warum das alles? Auch hier noch einmal Lysis mit dessen Antwort auf die Frage,

… was Pädophilie mit Homosexualität zu tun hat: Es ist die Logik der Erzeugung einer gesellschaftlichen “Devianz“, mit der zugleich eine bestimmte Normalität abgesichert und patrouilliert werden soll.

Es geht eben nicht um den Pädophilen oder gar um den Menschen, der pädophil empfindet, sondern es geht ganz einfach darum, dass sich die Mehrheitsgesellschaft ihrer (volks-)gemeinschaftlichen Normalität versichern möchte, durch das Mittel der sozialen Ausgrenzung Andersfühlender. Das allein steckt also, ob bewusst oder unbewusst, hinter kein-taeter-werden.de, und sonst nichts!

Last Summer

Beim Stöbern auf f*cking queers bin ich auf einige sehr schöne Kurzfilme gestoßen, die bei Dailymotion gehostet werden. Dort bin ich auch selber fündig geworden: „Last Summer“ ist 25 Minuten pures Gefühl, eine filmische Besonderheit über die erste Liebe, mit zwei wunderbaren Hauptdarstellern:

Zwischen Egoismus und Hoffnung

Ich gehe nach Hause, und ich will, dass er da sitzt, verheult, mit keinem Flecken Erde, auf dem er sich zu Hause fühlt. Ich will, dass er mich erkennt, dass ich ihm die Hand geben kann, ihn hoch zu mir ziehen und ihm meinen kleinen Flecken anbieten kann, nur für die eine Nacht, denn morgen, morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus, sage ich ihm und wische ihm die Tränen aus den Augen.

Was ist das für eine egozentrische Vorstellung: den Jungen, den man liebt, als verlorenen Ausreißer sehen zu wollen, nur um des eigenen Vorteils willen. Das ist keine Liebe, denke ich mir, aber ich denke trotzdem immer wieder daran, wie gerne ich ihm helfen würde, aus der Not heraus. Nur, dass er dafür erst einmal in Not sein müsste. Ich habe einfach diese Schwäche für Benachteiligte, denke ich, und versuche meinen Egoismus zu entschuldigen. Jetzt würde ich in einem Dilemma stecken, wenn es nicht ohnehin schon völlig abwegig wäre, was ich denke: ich werde ihn niemals mehr sehen, nicht im Glück und nicht im Unglück, er ist zu weit weg, ich bin hier, und ich kann hier nicht weg. Und so wandere ich weiter und hoffe, jemand anderen zu finden, der mich braucht oder der wenigstens gerne mit mir Zeit verbringt. Der Liebeskummer ist fast vergessen – jetzt gilt es, nach vorne zu schauen, denn die Hoffnung stirbt zuletzt.

As If A Phantom Caress‘d Me

As if a phantom caresse‘d me,
I thought I was not alone walking here by the shore;
But the one I thought was with me as now I walk by the shore, the one I loved that caress‘d me,
As I lean and look through the glimmering light, that one has utterly disappear‘d,
And those appear that are hateful to me and mock me.

(Walt Whitman)

Die Liebe, die wir erhoffen, die uns verwehrt bleibt, die wir erlangen, die wir wieder verlieren… und die anderen, die uns dafür hassen.

Sally Mann

Gefährliches Vertrauen?

Im gestrigen ARD-Film „Polizeiruf 110: Gefährliches Vertrauen“ ging es – man glaubt es kaum – tatsächlich einmal im deutschen Fernsehen um Pädophilie. Und zwar nicht um Kindesmissbrauch, -vergewaltigung oder -entführung, sondern ganz klipp und klar um die Liebe eines Erwachsenen zu einem Kind, in diesem Fall die 12jährige Laura, die von einer Modelkarriere träumt, sich zu Hause allein gelassen und unverstanden fühlt und deshalb zu dem erwachsenen Thomas Kotscheck flüchtet, der ihr vorgaukelt, Modefotograf zu sein, um aufreizende Fotos von seinem „Engel“ machen zu dürfen. Die Beziehung basiert zwar auf einer Lüge, dass das Mädchen einen Schaden von ihr davonträgt, ist dennoch nicht der Fall, im Gegenteil: es fühlt sich gut aufgehoben bei seinem großen Freund. Der wiederum hat große Probleme mit sich und seiner Neigung, das schlechte Gewissen bei allem, was er tut, wird von Kai Scheve und Regisseur Bodo Fürneisen brillant dargestellt, die innere Zerrissenheit dieses Mannes, der etwas tut, was er absolut nicht darf, schreit dem Zuschauer in jeder Szene geradezu ins Gesicht. Grandios z.B. die Szene, in der Kotscheck und Laura kurz davor sind sich zu küssen, er sich aber im letzten Moment noch abwendet und sie ihn mit großen Augen anschaut und fragt: „Was ist?“ Ja, er kann das nicht tun, obwohl sie es auch will, denn dann wäre er endgültig gesellschaftlich ein toter Mann.

Und so sind es dann auch die gesellschaftlichen Urteile, die zur Eskalation führen: Kotscheck bemerkt, dass seine Beziehung mit Laura von einer Journalistin ausspioniert wird, er stellt sie zur Rede, und dabei kommt es zu einem Unfall mit tödlichem Ausgang. Die Ermittlungen zum Tode der Journalistin führen schließlich dazu, dass Kotschecks pädophiles Doppelleben auffliegt und er in Panik beinahe seinen „Engel“ erstickt – und erst jetzt, also nachdem Kotscheck von der Polizei in die Enge gedrängt worden ist, verliert Laura ihr Vertrauen in ihn, sie bekommt Angst, die Beziehung ist unwiderruflich zerstört. Für den Zuschauer ist klar: jetzt muss das Monster sein Opfer umbringen, wir haben es schließlich mit einem Psychopathen zu tun! Doch die Drehbuchautoren Jan Hellstern und Felix Mennen machen der Mehrheitsmeinung einen Strich durch die Rechnung: Kotscheck bringt Laura wohlbehalten zu ihrem Elternhaus zurück und versucht zum Meer zu fliehen. Er wird gestellt und kann noch einmal seine ganze Zerrissenheit zum Ausdruck bringen: „Wissen Sie, wie das ist, wenn Sie auf einmal ihre eigene Tochter begehren?“ fragt er Kommissarin Herz unter Tränen, und in den Augen der Kommissarin erkennen wir die gleiche Verunsicherung wie sie in den Augen der meisten Fernsehzuschauern zu finden sein muss: nanu, doch kein Monster? Ein Mensch mit echten Gefühlen?

Klar, der Titel des Films lässt auch eine andere Lesart zu: zum Glück ist alles nochmal rechtzeitig gutgegangen, bevor er sie vergewaltigen konnte! Ein Hoch auf die Polizei! Und auch die Kommissarin macht Kotscheck trotz ihrer deutlichen Unsicherheit dann doch noch die üblichen Vorwürfe. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass in diesem exzellenten Kriminalfilm eindeutig herausgestellt wurde, dass erst die negative Einstellung gegenüber Pädophilie zunächst zum heuchlerischen Verschleiern und schließlich zum Scheitern der pädophilen Beziehung führt. Ein mutiger Film mit großartiger Besetzung. Und schon in neun Tagen steht der nächste Fernsehkriminalfilm zum Thema im Programm (leider wieder nicht mit einem Jungen): in „Der Kinderfreund“ aus der ARD-Reihe „Bloch“ geht es um einen Lehrer, der sich in eine 12jährige Schülerin verliebt. Ich bin gespannt, ob auch dieser Film, obwohl er durch die Vorberichte eher wie ein Werbespot für die Berliner Charité erscheint, derart positiv überraschen wird.