Gefährliches Vertrauen?

Im gestrigen ARD-Film „Polizeiruf 110: Gefährliches Vertrauen“ ging es – man glaubt es kaum – tatsächlich einmal im deutschen Fernsehen um Pädophilie. Und zwar nicht um Kindesmissbrauch, -vergewaltigung oder -entführung, sondern ganz klipp und klar um die Liebe eines Erwachsenen zu einem Kind, in diesem Fall die 12jährige Laura, die von einer Modelkarriere träumt, sich zu Hause allein gelassen und unverstanden fühlt und deshalb zu dem erwachsenen Thomas Kotscheck flüchtet, der ihr vorgaukelt, Modefotograf zu sein, um aufreizende Fotos von seinem „Engel“ machen zu dürfen. Die Beziehung basiert zwar auf einer Lüge, dass das Mädchen einen Schaden von ihr davonträgt, ist dennoch nicht der Fall, im Gegenteil: es fühlt sich gut aufgehoben bei seinem großen Freund. Der wiederum hat große Probleme mit sich und seiner Neigung, das schlechte Gewissen bei allem, was er tut, wird von Kai Scheve und Regisseur Bodo Fürneisen brillant dargestellt, die innere Zerrissenheit dieses Mannes, der etwas tut, was er absolut nicht darf, schreit dem Zuschauer in jeder Szene geradezu ins Gesicht. Grandios z.B. die Szene, in der Kotscheck und Laura kurz davor sind sich zu küssen, er sich aber im letzten Moment noch abwendet und sie ihn mit großen Augen anschaut und fragt: „Was ist?“ Ja, er kann das nicht tun, obwohl sie es auch will, denn dann wäre er endgültig gesellschaftlich ein toter Mann.

Und so sind es dann auch die gesellschaftlichen Urteile, die zur Eskalation führen: Kotscheck bemerkt, dass seine Beziehung mit Laura von einer Journalistin ausspioniert wird, er stellt sie zur Rede, und dabei kommt es zu einem Unfall mit tödlichem Ausgang. Die Ermittlungen zum Tode der Journalistin führen schließlich dazu, dass Kotschecks pädophiles Doppelleben auffliegt und er in Panik beinahe seinen „Engel“ erstickt – und erst jetzt, also nachdem Kotscheck von der Polizei in die Enge gedrängt worden ist, verliert Laura ihr Vertrauen in ihn, sie bekommt Angst, die Beziehung ist unwiderruflich zerstört. Für den Zuschauer ist klar: jetzt muss das Monster sein Opfer umbringen, wir haben es schließlich mit einem Psychopathen zu tun! Doch die Drehbuchautoren Jan Hellstern und Felix Mennen machen der Mehrheitsmeinung einen Strich durch die Rechnung: Kotscheck bringt Laura wohlbehalten zu ihrem Elternhaus zurück und versucht zum Meer zu fliehen. Er wird gestellt und kann noch einmal seine ganze Zerrissenheit zum Ausdruck bringen: „Wissen Sie, wie das ist, wenn Sie auf einmal ihre eigene Tochter begehren?“ fragt er Kommissarin Herz unter Tränen, und in den Augen der Kommissarin erkennen wir die gleiche Verunsicherung wie sie in den Augen der meisten Fernsehzuschauern zu finden sein muss: nanu, doch kein Monster? Ein Mensch mit echten Gefühlen?

Klar, der Titel des Films lässt auch eine andere Lesart zu: zum Glück ist alles nochmal rechtzeitig gutgegangen, bevor er sie vergewaltigen konnte! Ein Hoch auf die Polizei! Und auch die Kommissarin macht Kotscheck trotz ihrer deutlichen Unsicherheit dann doch noch die üblichen Vorwürfe. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass in diesem exzellenten Kriminalfilm eindeutig herausgestellt wurde, dass erst die negative Einstellung gegenüber Pädophilie zunächst zum heuchlerischen Verschleiern und schließlich zum Scheitern der pädophilen Beziehung führt. Ein mutiger Film mit großartiger Besetzung. Und schon in neun Tagen steht der nächste Fernsehkriminalfilm zum Thema im Programm (leider wieder nicht mit einem Jungen): in „Der Kinderfreund“ aus der ARD-Reihe „Bloch“ geht es um einen Lehrer, der sich in eine 12jährige Schülerin verliebt. Ich bin gespannt, ob auch dieser Film, obwohl er durch die Vorberichte eher wie ein Werbespot für die Berliner Charité erscheint, derart positiv überraschen wird.