Der Kinderfeind. Über Krankheit, Werbung und Missbrauch

„Der Kinderfreund“ hieß das Machwerk, was dem öffentlich-rechtlichen Stammpublikum gestern abend um 20.15 Uhr dargeboten wurde, und es sollte ein Film sein, der ein differenziertes Bild von Pädophilen zeichnet. Und das trifft sogar zu: der Lehrer Michael Liebknecht (mit großen Augen und schmalen Lippen: Fabian Hinrichs) verliebt sich in seine zwölfjährige Schülerin Marlene (süß und selbstsicher: Chantel Brathwaite) und sie sich in ihn. Er hat Angst, dass aus ihrer Freundschaft eine sexuelle Beziehung werden könnte und wendet sich an den Psychologen Bloch (den ganzen Film über heiser und schnaufend: Dieter Pfaff).


So beginnt dieser 90minütige Werbespot für die Berliner Charité, und das „differenzierte Bild“, das er zeichnet, sieht folgendermaßen aus: es handelt sich bei Liebknecht um einen Menschen mit Gefühlen und nicht etwa um ein gewalttätiges Monster, und der Lynchmob, der ihn am Ende um die Ecke bringen will, wird als böse dargestellt, selbstverständlich mit dem Verweis auf den Rechtsstaat, hier in Person von Bloch, der völlig unverständlicherweise am Ende, nach zahlreichen körperlichen Strapazen, noch lebt, obwohl er aussieht, atmet und spricht wie das fleischgewordene schlechte Gewissen der Weight Watchers. Aber wie sieht es jetzt eigentlich aus mit den Gefühlen, die Liebknecht hat?

Sie sind schlecht. Böse. Unzüchtig. Gefährlich. Usw. Denn: sie führen unwiderruflich und auf jeden Fall zum Geschlechtsverkehr mit Marlene, wenn er keine Therapie macht und sich weiter mit ihr trifft. Warum, das wird in dem Film überhaupt nicht thematisiert: es ist einfach so, Pädos wollen ficken, sie werden es tun, und selbst wenn das Kind das auch will, wenn es den Sex gar genießt, spätestens in ein paar Jahren wird es fürchterlich darunter leiden. Auch hier: keine Begründung für diese Behauptung. Gegen Ende des Films sehen wir ein sehr eindringlich gefilmtes psychologisches Experiment Blochs mit seinem Klienten, in dem er ihn bittet, seine Fantasien Marlene betreffend ohne Furcht auszusprechen. Er tut dies und kommt bis zu dem Punkt, an dem er sie zärtlich streichelt. Nun interveniert Bloch und befiehlt Liebknecht, von nun an aus der Sicht Marlenes zu erzählen. Die ist dann natürlich negativ und endet damit, dass sie ihren vorher geliebten Lehrer hasst. Liebknecht sieht das ein und schwört sich, es nie so weit kommen zu lassen. Patient geheilt, alles gut.

Ich möchte mich zu der Frage, ob der sexuelle Kontakt zwischen Mann und Mädchen in diesem Gedankenexperiment tatsächlich zwangsläufig Missbrauch ist, nicht weiter äußern, da ich mir dessen einfach nicht sicher bin. Außerdem soll es in diesem Blog ja um Päderastie gehen, also um die Liebe zu (geschlechtsreifen) Jungen. Und wenn ich das Experiment mal auf das zärtliche Zusammensein zwischen einem Mann und einem Jungen übertrage, muss ich feststellen: es ist nicht zwangsläufig Missbrauch, da hier einfach viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen: das Verhältnis der beiden Beteiligten zueinander, die Reife des Jungen, die sexuellen Bedürfnisse der beiden, allerlei gesellschaftliche Faktoren etc. Allerdings möchte ich die Möglichkeit des „sanften Missbrauchs“ als eines Missbrauchs, der sich subtiler Formen der Unterdrückung bedient und letztendlich den Jungen tatsächlich dazu bringt, Dinge zu tun, die ihm eigentlich unangenehm sind, weil er für sie noch nicht bereit ist, auf keinen Fall ausschließen und appelliere an alle Pädophilen und Päderasten, im Umgang mit einem Jungen nie irgendetwas von ihm zu verlangen, sondern stets der Empfangende zu sein, soweit, bis der Junge von sich aus Zärtlichkeit empfangen will. Das muss ein Verhaltenskodex sein, nach dem Päderasten und Pädophile sich richten müssen, denn die Gefahr des Missbrauchs ist einfach immer gegeben, und in einer Gesellschaft, in der Sex zwischen Mann und Junge derart verpönt ist wie in unserer, muss man sich einfach der gesellschaftlichen Vorurteile bewusst sein, denen beide Beteiligten einer solchen Beziehung auch Jahre später noch ausgesetzt sind, weshalb so etwas nur dann geht, wenn der Junge es wirklich von sich aus will.

Zurück zu Bloch: die Möglichkeit, dass ein Pädophiler nicht von sich aus sexuelle Handlungen einleitet, aber trotzdem freundschaftliche Beziehungen zu Kindern hat, einfach, weil sie ihn emotional befriedigen, die wird in dem Film einfach als unmöglich gesetzt. Der Zuschauer kommt zwangsläufig zu der Ansicht, Pädophile könnten nur dann ein unschädliches Leben führen, wenn sie sich in Therapie und möglichst weit weg von Kindern aller Art begeben. Wer – als Pädophiler – diesen Film unkritisch betrachtet, muss sich als Monster fühlen, muss sich selbst als „krank“ definieren und hat mit diesem – von der Gesellschaft suggestierten und sich daraufhin selbst auferlegten – Stigma zu leben. Schade also, dass es Bloch nicht wirklich gibt, aber: gut, dass es Dr. Beier von der Charité gibt gibt! Womit wir wieder beim Werbecharakter des Films wären: Dr. Beier wird sich freuen, bald wieder ein paar Patienten mehr zu haben.


5 Antworten auf “Der Kinderfeind. Über Krankheit, Werbung und Missbrauch”


  1. 1 mignon 14. Juni 2007 um 20:28 Uhr

    Nette Zusammenfassung, eins möchte ich aber ergänzen: Es ging im Film ja um eine Liebesbeziehung zwischen einem Mädchen und seines Lehrers! Und in solchen pädagogischen Abhängigkeitsverhältnissen kann man in der Tat bereits eine Liebesbeziehung kritisch sehen, auch wenn es nicht zu strafbaren Handlungen kommt. Insofern haben die Filmemacher geschickt Settings und (verdammt viele) „Zufälle“ gewählt, um eine Message zu transportieren, der eigentlich kaum widersprochen werden kann – von keiner Seite.

    Gruß,
    mignon

  2. 2 hophnung 23. Juli 2007 um 19:35 Uhr

    „und selbst wenn das Kind das auch will, wenn es den Sex gar genießt, spätestens in ein paar Jahren wird es fürchterlich darunter leiden. Auch hier: keine Begründung für diese Behauptung.“

    ich spreche jetzt mal nur für die weibliche fraktion: kein mädchen will mit einem erwachsenen mann sex haben. sie geniesst es auch nicht. das sauge ich mir nicht aus den fingern und beurteile dies auch nicht subjektiv. das eine mädchen wird das mitmachen, das andere schreiend davonlaufen, aber beide typen haben etwas gemein: sie wollen das nicht, es macht ihnen innerlich angst und verändert ihr ganzes restliche leben.
    das, was ich dort zitiere von dir sind annahmen, die teil deines komplexen gedankengangs sind, was ich bislang von dir gelesen habe. ich schliesse hier die männliche seite bewusst aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jungen das anders empfinden als mädchen. bitte ziehe keine leicht zu beeinflussenden junge menschen in deine eigene passion hinein, das ist etwas, was du ganz allein mit dir ausmachen musst.

  3. 3 Administrator 24. Juli 2007 um 19:26 Uhr

    Ich bin vorsichtiger mit der Annahme, was Kinder wollen. Die meisten Männer, die ich kenne, haben als Kind angefangen zu onanieren und sexuelle Fantasien zu entwickeln. Das heißt nicht, dass sie als Kind auch sexuelle Kontakte mit Erwachsenen haben wollten (ich allerdings hätte z.B. nichts dagegen gehabt), aber das so kategorisch auszuschließen halte ich für einen Fehler. Es nimmt den Kindern (und mittlerweile auch Jugendlichen) schlicht ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

  4. 4 rxsa 24. Mai 2009 um 23:40 Uhr

    Mit einem Wort: Schwierig.

  1. 1 Der Vater und die arme Sau. Über “Guter Junge” | Herbst in der Seele Pingback am 10. April 2008 um 20:44 Uhr
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