Archiv für August 2007

Ahmadinedschad frisst kleine Kinder!

Der neokonservative Blogger tous et rien überschreibt ein Interview mit der Schauspielerin Jasmin Tabatabai über den Iran mit „Ein Kinderschänderparadies“, obwohl dieser Passus nur ein winziger Teil in besagtem Interview ist. Das Ziel ist klar: Skandalisierung des Irans mit dem schlimmsten aller Vorwürfe, nämlich dem, Schande über ein Kind zu bringen. Mit dem Vorwurf der Kinderschänderei wird jede sachliche Auseinandersetzung mit dem Iran obsolet: der Teufel ist ja dort zu Hause, und er frisst kleine Kinder.

Ebenfalls weist die Schauspielerin in dem Video daraufhin, dass im Iran Homosexualität unter Strafe stünde (was allerdings nicht stimmt: „lediglich“ Analverkehr steht dort unter Strafe, genauso übrigens wie außereheliche heterosexuelle Beziehungen). Gleichzeitig wird der Westen verklärt als Hort der Freiheit: „Ich würde dem Westen sehr empfehlen, selbstbewusst seine hart errungenen Freiheiten zu verteidigen“, sagt Tabatabei am Ende und spricht damit aus, was „tous et rien“ und seine Freunde von der „Achse des Guten“ für Kritik halten: im Westen passiere sowas nicht, der Westen sei frei.

Man muss dem iranischen Regime von Präsident Ahmadinedschad sehr kritisch gegenüber stehen, denn es ist ein zutiefst reaktionäres Regime. Gerade deshalb ist es sicherlich kein Paradies dort zu leben, auch nicht für vermeintliche „Kinderschänder“. Den Iran als „Kinderschänderparadies“ zu bezeichnen und im gleichen Atemzug die ach so atemberaubende Freiheit des Westens zu loben, dabei die täglichen Schädigungen, Missstände und Verbrechen in dieser Gesellschaft völlig verleugnend, hat mit einer vernünftigen Kritik der dortigen Zustände nichts zu tun: das ist schlicht und einfach kultureller Rassismus der übelsten Sorte und muss als solcher deutlich angegriffen werden.

Werft den Toten Dreck hinterher

„Es ist tragisch, dass sich der Mann mit seiner Mutter von einer Brücke gestürzt hat. Aber ich frage mich natürlich auch, wenn er wirklich unschuldig war, warum hat er dann nicht auch noch den Prozess durchgestanden?“ fragt Joachim Pfitzner, Vize-Landrat des Elbe-Elster-Kreises, zum Selbstmord eines des sexuellen Missbrauchs Angeklagten. Warum eigentlich nicht gleich: „Gut, dass die Pädosau tot ist!“?!

Zarte Bande

Ich schaue ihn gerne an, am liebsten die ganze Zeit, am allerliebsten dann, wenn ich ihn anlächele und er zurücklächelt und wir dabei Faxen machen. Ein wohliger Schauer geht durch meinen Körper, wenn wir nebeneinander sitzen und er seinen Arm um mich legt und sanft im Nacken streichelt. „Freund“ hat er mich genannt.

Was aber, wenn ich etwas falsch mache? Wenn ich ihn überfordere? Ich muss mich sehr zurückhalten, damit wir wirklich Freunde werden können, das spüre ich, denn er ist sehr verletzlich und zeigt das auch. Ich will ihm ein Freund sein, und ich hoffe, ich schaffe das.

Das Kind mit dem Bade

Die Homepage des LitV ist wieder online und stellt einen sehr interessanten Text von Kurt Hartmann und Johannes Liebmann zur Reform des Sexualstrafrechts online zur Verfügung: Das Kind mit dem Bade.

Eine Liebesgeschichte

Hier kann man – im Eingangsposting des Threads – lesen, was Jungenliebe auch im Hier und Jetzt tatsächlich sein kann: Liebe eben.

Charakterkopf

Ein sehr schön fotografierter Charakterkopf bei careaux mit o.

You are not alone

Ein wunderschöner Zusammenschnitt von Szenen aus dem klassischen dänischen Coming-Out-Film „Du er ikke alene“ bzw. „You are not alone“.

Kinder sind Damenslips?

K13 weist auf ein Interview von ITP-Arcados mit der ehemaligen Bundestagsabgeordneten der Grünen und heutigen Kindertherapeutin Marita Wagner hin. Darin finden sich einige Absurditäten:

(Weiterlesen…)

„Das reine Kind“

Weil Menschen mit einer pädophilen oder päderastischen Neigung nicht nur gerne als „Kinderficker“, sondern auch als „Kinderschänder“ bezeichnet werden, für die dann auch mal ganz charmant die Todesstrafe gefordert wird, habe ich in Gigi Nr. 38 vom Juli/August 2005 nachgeschlagen und prompt eine sehr treffende Herleitung dieses Begriffs gefunden. Sebastian Anders schreibt dort in seinem Aufsatz „Das impotente Kind“, in dem er übrigens sehr gut die sog. Konsensmoral, also die Moral vom „informierten Einverständnis“ zwischen zwei Sexualpartnern, argumentativ abwatscht, folgendes:

Was genau diese [soziale] Bedeutung [der Sexualität] sein soll, [die Kinder angeblich nicht kennen,] erklärt [der US-amerikanische Missbrauchsforscher David] Finkelhor gerade nicht. Vielmehr verläßt er sich darauf, daß Sexualität als etwas Negatives und moralisch Verwerfliches begriffen wird, deren Ausleben nur unter gewissen Umständen gesellschaftlich gestattet ist und eine gewisse moralische Mindestreife voraussetzt, über die Kinder eben nicht verfügen. Das Verbrechen – und nur im sexuellen Lebensbereich ist es ein Verbrechen – besteht nun darin, das unwissende und moralisch unreife und reine Kind zu einer moralisch verwerflichen Tat zu bewegen. Das Kind verliert – durch die ihm zugeschriebene Asexualität – seine Reinheit und Unschuld. Die Sprache verrät dabei ihre Sprecher: Der „Kinderschänder“ ist nicht etwa einer, der Schande über sich, sondern über das Kind bringt. Das „reine“ und (sexuell) „unschuldige“ Kind wird durch Sexualität mit „Schande“ beladen. Wie im vorletzten Jahrhundert wird Sexualität unbewußt in Konzeptionen wie Schuld und Schande begriffen.

Und nicht nur das: diese Auffassung vom Kind als unschuldigem, „reinem“ Menschen ist ja eine ideologische: wir haben, trotz aller gegenläufigen Tendenzen, immer noch das Ideal von der glücklichen Kleinfamilie, in der der Nachwuchs in zweierlei Sinne eine wichtige reproduktive Funktion erfüllt: zum einen die Reproduktion der Familie (als „Stammhalter“), zum anderen die individuelle Reproduktion der älteren Familienmitglieder dergestalt, dass diese im Nachwuchs Zerstreuung, Freizeitgestaltung und nicht zuletzt auch Lebenssinn finden. Ein sexuell aktives Kind, ein Kind mit eigenen Wünschen und Begierden, passt in dieses Schema nicht hinein: um für die als Lohnarbeiter tätigen Eltern reproduktiv funktionieren zu können, muss das Kind „rein“ und „unschuldig“ sein, sonst ist es kein Gegenpol mehr zur brutalen Welt der Erwachsenen (zum „Ernst des Lebens“), sondern selbst so etwas wie ein kleiner Erwachsener, ein Konkurrent gar auf dem für die Erwachsenen reservierten Feld der Sexualität. So wird auch das angestrebte repressive Sexualstrafrecht, das von dem Paradigma des „informierten Einverständnisses“ lebt, erklärbar als Versuch, das Kind als unmündiger Mensch aus der Welt des Erwachsenen systematisch fernzuhalten: unter dem Deckmantel des Schutzes der Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen wird gerade diese Selbstbestimmung ihnen abgesprochen – sie werden entmündigt. Der Soziologe Michael Schetsche nennt dies in seinem Text „Der einvernehmliche Mißbrauch“ (zitiert nach Anders 2005) das „Selbstbestimungs-Paradoxon“:

Wie kann im Rahmen eines – zumindest programmatisch – auf die sexuelle Selbstbestimmung abhebenenden Strafrechts der Schutz der Individuen begründet werden, denen (z.B. aus Altersgründen) ein Selbstbestimmungsrecht gerade nicht zugestanden wird.“

Das ist entlarvend und stellt das gesamte Sexualstrafrecht unter einen geradezu grotesken Schatten. Wo „das reine Kind“ als Ideal konstruiert wird, muss gefragt werden, wem das nützt und wem das schadet. Die Kinder und Jugendlichen jedenfalls haben nichts davon außer einem evtl. Knastaufenthalt, wenn sie ihre Freunde oder Freundinnen demnächst zum Eis einladen und danach mit ihnen schlafen – das könnte dann nämlich schon Missbrauch sein, wenn der neue Paragraph 182 StGb umgesetzt wird. Und der 12jährige Junge, der mit seinem erwachsenen Freund zusammen onaniert und das völlig okay findet, muss Angst haben vor Verhören, Psychiatern, Gerichten, denn er darf das nicht, er hat „rein“ zu sein, „unschuldig“, und ist er das nicht, wird er – obwohl er das nicht will – vom Staat „beschützt“, und das heißt: bestraft.

Sigur Rós – Viðrar Vel Til Loftárása