Hänsel & Gretel verliefen sich im Wald

Die Kinderschutz-Stiftung „Hänsel & Gretel“ feiert dieser Tage zehnjähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass fand kürzlich ein „Expertengespräch“ zum Thema Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch statt, dem eine teilweise aberwitzige Pressemitteilung der Vorsitzenden, Barbara Schäfer-Wiegand, voranging, die ich nicht unkommentiert lassen möchte.

Ziel der Stiftung ist die Ausweitung des Kinderschutzes auf die psychiatrische Präventionsarbeit mit Pädophilen, denn:

Etwa 50 % aller verurteilten Sexualstraftaten gegen Kinder werden von Menschen mit pädophilen Neigungen verübt. Die übrigen 50 % verurteilte Sexualstraftaten gehen zu Lasten von sogenannten Ersatztätern oder opportunistischen Gelegenheitstätern. Diesem „Hellfeld“ der Täter steht ein „Dunkelfeld“ von Tätern gegenüber, das mindestens sechsmal so groß ist.

Aus welcher Art von Tätern dieses „Dunkelfeld“ besteht, lässt Schäfer-Wiegand offen. Die Zahlen, die sie (ohne Quelle) nennt, beziehen sich auf verurteilte Straftäter, d.h., auf alle Menschen, die einen wie auch immer gearteten sexuellen Kontakt mit einem Kind hatten und dabei erwischt wurden. Selbst wenn sie stimmen würden, hätten sie keine Aussagekraft für das Dunkelfeld, denn wie z.B. onmeda schreibt, ist die Problematik folgende:

Das Dunkelfeld im Bereich der Vergewaltigung/sexuellen Nötigung ist sehr hoch. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass die Anzeigequote bei unbekannten Tätern am höchsten, bei einer engen Täter-Opfer-Beziehung, z.B. beim Ehemann oder dem Lebenspartner, am geringsten ist. Hier wird die Dunkelziffer auf bis zu 1:20 geschätzt.

Bezieht man jetzt noch die üblichen Schätzungen in der Literatur zum Anteil Pädophiler am sexuellen Missbrauch von Kindern (2-20%) in die Überlegung mit ein, wird klar, wohin die Reise geht: nicht von Pädophilen geht – gesetzt den Fall, die angezeigten und verurteilten Taten geschahen zum Nachteil des Kindes – die größte Gefahr für Kinder aus, sondern von der stinknormalen heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie und ihrem direkten verwandtschaftlichen Umfeld – von sog. „Ersatztätern“ also.

Schon der Ansatz dieser Art von Kinderschutz ist also falsch. Was Frau Schäfer-Wiegand nicht davon abhält zu konstatieren:

Alle Täter, die verurteilten wie die nicht verurteilten und erst recht die potentiellen Täter sind sexualmedizinisch behandlungsbedürftig.

Also quasi alle. Unsinn? Aber hallo.

Und was führt sie weiter an, um ihre Stiftung und das von ihr sehr geschätzte Projekt „Kein Täter werden“ der Berliner Charité in ein für die Kinder nützliches Licht zu stellen? Zum Beispiel das:

Die Selbsttäuschung, das mangelnde Unrechtsbewußtsein Pädophiler ist kennzeichnend für ihre Neigung.

Sie erfindet ein ganz neues Symptom für Pädophilie: mangelndes Unrechtsbewusstsein! Das ist für sich genommen schon völlig absurd, zeigt aber bezeichnenderweise auch einmal mehr, dass Recht und Gesetz im bürgerlichen Staat schon den Charakter von Naturgesetzen angenommen haben – wer selber denkt, Gesetze gar hinterfragt, Missstände aufdecken möchte, der ist in dieser Denkweise direkt eines dieser Psychowracks, das (im Pädokontext) „eine komplexe präventive Behandlung aus Psychotherapie und medizinischer Behandlung“ benötigt, damit es „Gefahrenbewusstsein für sich selbst“ erwirbt und „Kindern nicht gefährlich“ wird, wie es in der Pressemitteilung außerdem heißt.

Damit eine solche Behandlung überhaupt flächendeckend möglich wird, fordert Frau Schäfer-Wiegand eine verbesserte Ausbildung von Ärzten:

Sollten nicht alle Ärztinnen und Ärzte ausreichende Kenntnisse über die menschliche Sexualität und ihre – teilweise
hochgefährlichen – Störungen erhalten? Wo sind die Weiterbildungsangebote der Landesärztekammern in Sexualmedizin, wo sind die Anlaufstellen für Menschen mit derart schwierigen sexuellen Problemen?

Diese „teilweise hochgefährliche Störung“, die Fähigkeit, sich in Kinder verlieben zu können, diese ungemein ekelerregende Sache, wird also gar nicht richtig als solche erkannt, sie wird noch zu wenig pathologisiert – ein Skandal! Mit fatalen Folgen:

Jugendliche und Erwachsene mit potentiell schädlichen sexuellen Neigungen irren unbetreut umher.

Deshalb stoße ich mir also ständig den Kopf, wenn ich auf die Straße gehe! Ich habe keinen Betreuer, der mich vom Umherirren abhält! Ein Wunder, dass ich noch nicht unters Auto geraten bin. Wäre für die Allgemeinheit sogar besser:

Wo ist die Fallpauschale für die sexualmedizinische präventive Versorgung von Patienten mit gemeingefährlichen Sexualstörungen?

Die Allgemeinheit, also das „Volk“ oder gar „mein Land“ oder so ein Quatsch, die interessieren mich grundsätzlich einen feuchten Kehricht. Trotzdem sieht man hieran sehr schön, als was Pädophile heutzutage immer noch gesehen werden: nicht nur als chronisch Kranke und potentielle Missbraucher und Vergewaltiger, sondern – und das ist wirklich bemerkenswert – tatsächlich als Volksschädlinge. „Gemeingefährlich“ sollen Pädophile sein. Na ja, wenn sie das wären, also wenn sie tatsächlich eine Gefahr für Volk und Nation bedeuteten – ich würde es sogar begrüßen. Sind sie aber nicht. Sie sind die gleichen bürgerlichen Individuen wie alle anderen auch, mit den gleichen blöden Fehlern, nur dass sie eben auf Kinder stehen und nicht (ausschließlich) auf Erwachsene. Was daran eigentlich das Problem sein soll?

Ja, gute Frage.