Das Strafrecht macht den Schaden

Der renommierte Sexualwissenschaftler Frits Bernard, der jahrzehntelang zum Thema Pädophilie geforscht und für die Emanzipation pädophil liebender Menschen gekämpft hat, veröffentlichte 1988 in dem von Angelo Leopardi herausgegebenen Buch „Der pädosexuelle Komplex. Handbuch für Betroffene und ihre Gegner“ einen kurzen Artikel namens „Aus ‚Verführten‘ wurden Väter“, in dem er die Ergebnisse seiner Forschung darstellt. Ein Ergebnis ist dabei, dass gewaltfreie und einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Jungen so gut wie nie primäre Schäden verursachen: „Kindesmisshandlung ist nicht die Domäne des Pädophilen“ stellt er lapidar fest, zeigt aber auch deutlich auf, wann und wodurch Schäden im Zusammenhang mit solchen Kontakten tatsächlich entstehen: in erster Linie durch die Strafverfolgung, der ein pädophiles Paar nach seiner Entdeckung häufig ausgesetzt ist. Das ist ein Skandal, der bislang in der Öffentlichkeit viel zu wenig diskutiert wird: der Paragraph 176, der sexuelle Kontakte für Unter-14jährige komplett verbietet, schützt nicht etwa die betroffenen Kinder, er schadet ihnen! Ein beeindruckendes Beispiel für eine solche massive Sekundärschädigung möchte ich deshalb hier zitieren. Bernard schreibt (Hervorhebungen von mir):


Ein Mann mittleren Alters kommt zu mir mit diffusen Beschwerden in die Sprechstunde. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet in einem Büro. Die Beziehung zu seiner Frau ist gut. Aus der Anamnese sind keine Besonderheiten erkennbar, jedenfalls nicht beim ersten Mal. Er ist in letzter Zeit angespannt und schnell müde. Beim Neurotizismus-Test erhält er einen hohen Ausschlag. Psychisch ist er also labil.
Die Ursache seines Zustandes ist rasch herausgefunden. Durch einen Pressebericht über eine Festnahme in einer „Sittlichkeitssache“ geriet er außer Fassung. Er hat als kleiner Junge eine langandauernde und sehr glückliche, intime Beziehung mit einem älteren Mann unterhalten. Das war für ihn eine unvergleichbar schöne Zeit, bis eines Tages dieser Mann festgenommen wurde. Er selbst wurde als Zehnjähriger von der Polizei verhört. Dem langen Verhör war er nicht gewachsen. Der Ältere erhielt einige Jahre Gefängnis, und der Junge mußte nun ständig mit dem Gedanken leben: „Ich habe ihn verraten!“ Dieses Schuldgefühl ist mehr oder weniger immer noch wirksam. Es wurde noch verstärkt durch den Umstand, daß sein älterer Freund später im Gefängnis starb.
Das ist ein deutliches Beispiel von sekundärem Schaden. Nicht die sexuelle Beziehung selbst wirkte traumatisierend – im Gegenteil –, sondern die sie begleitenden Umstände. Die primären Folgen des Kontaktes waren positiv.

Das ist eine Erkenntnis, der Bernard in seiner jahrzehntelangen Forschung immer wieder begegnet ist. Er konstatiert:

Vieles von der Kontroverse, die zwischen den Autoren der beiden Lager „schädlich“ vs. „unschädlich“ schwelt, wird hinfällig, wenn man die primären von den sekundären Folgen unterscheidet. Das Mißverständnis gehört dann der Vergangenheit an.

Dass Kinder für „Kinderschützer“ nur dann etwas wert sind, wenn sie vermeintliche „Täter“ in den Knast bringen sollen, ist eine weitere schockierende Feststellung (Hervorhebung von mir):

Auffällig ist eigentlich, daß sich niemand wirklich Gedanken macht über das Schicksal der Kinder in den „Sittlichkeitsvergehen“. Sie müssen entsprechend aussagen, damit der Fall abgeschlossen werden kann. Ihre Meinung ist nicht erwünscht; ihren Bedürfnissen wird in keiner Weise entsprochen. Die Haltung der Umgebung, der Gesellschaft, kann hier eine wirkliche Bedrohung für das Kind darstellen.

Der Sozialpädagoge Wolf Vogel beschreibt in seinem Beitrag „Das stille Lied der Liebe“ das Dilemma pädophiler Kontakte in dieser Gesellschaft folgendermaßen:

In einer pädophilen Beziehung [gewaltfrei, einvernehmlich – Admin] leiden in den allermeisten Fällen beide – das Kind und der Erwachsene. […] Sie leiden zunächst darunter, daß sie ihr Liebesverhältnis vor allen anderen Menschen, auch den sonstigen Bezugspersonen, verschweigen müssen. Sie können ihr Glück, ihre Freude, aber auch eventuelle Ängste und Enttäuschungen niemandem mitteilen. Dieser Umstand ist gerade für das Kind sehr belastend. […] Bereits die erste Kontaktaufnahme ihres Kindes mit einem fremden Erwachsenen ist für die meisten Eltern schon höchst verdächtig.

Schuld an diesem unfassbaren Zustand sind differenzfeministische oder von persönlichen Rachegefühlen beeinflusste „Kinderschutz-Organisationen“, die es sich zum Ziel gemacht haben, einfach möglichst viele Männer von Kindern fernzuhalten, und die in sexualwissenschaftlicher Hinsicht unglaublich dumme Gesetzgebung, die von „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ spricht und unter dieser Überschrift (!) allen Menschen unter 14 Lebensjahren sexuelle Selbstbestimmung schlicht verbietet.

Das Buch „Der pädosexuelle Komplex“ ist von 1988 und mittlerweile vergriffen. Danach kam nicht mehr viel emanzipatorisches, abgesehen von Rüdiger Lautmanns großartiger Studie „Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen“ von 1994, die leider bis heute totgeschwiegen wird und ebenfalls vergriffen ist. Wen diese (und andere, etwa von Bernard oder Sandfort) Bücher interessieren, muss sie an Universitätsbibliotheken lesen, dort sind sie teilweise noch vorhanden. Ich kann es jedem interessierten Menschen nur dringend empfehlen – es wird ihm die Augen öffnen.


2 Antworten auf “Das Strafrecht macht den Schaden”


  1. 1 K13online-D.Gieseking 01. Februar 2008 um 21:58 Uhr

    Guten Abend !

    Guter Artikel. Sorry, aber einige Bücher, die Du oben erwähnt hast, gibt es doch noch und sind hier erhältlich:

    http://www.booklooker.de/Micha-Dieter-Flohmarkt

    Bei dieser email gibts eigentlich alles, was ab Verlag oder im Buchhandel schon vergriffen ist. Einfach per email anfragen hier: weinheim@hallo.ms

    Gruß Dieter-K13

  2. 2 Peter 14. Januar 2010 um 15:21 Uhr

    Da muß man aber schon auch mal den zeitlichen Zusammenhang von Ursache (Tat) und Wirkung (Strafe+Folgen) im Auge behalten.
    Daß die Folgen sicher weder für das Kind noch für den beteiligten Erwachsenen „vergnügungsteuerpflichtig“ sind – liegt auf der Hand.
    Aber hieraus läßt sich nicht ableiten daß das Gesetz schuld an den Folgen ist.
    Das Gesetz bietet ja sogar ausdrücklich die Möglichkeit daß der Täter mit einem umfassenden Geständnis nicht nur eine Vernehmung des Kindes vermeiden helfen kann – sondern ein umfassendes Geständnis wirkt sich sogar strafmildernd aus!

    Wenn das Gesetz (vollkommen willkürlich) eine Geschwindigkeit von 30 kmh vorschreibt – und ich (ohne objektiv jemanden zu gefährden) mich mit 50 kmh blitzen lasse – dann ist nicht das Gesetz dafür verantwortlich daß ich eine Strafe bezahle – sondern mein zu schnelles Fahren.
    Rasen in Zone-30 ist auch der falsche Weg die Öffentlichkeit vielleicht darauf aufmerksam zu machen daß eine bestehende Geschwindigkeitsbegrenzung an einer bestimmten Stelle objektiv nicht erforderlich und damit nicht gerechtfertigt ist.

    Ich denke letzteres ist auch der Punkt an dem ich mir persönlich schwer tue der Argumentation der „Pädos“ zu folgen. Wenn Ihr es wirklich ehrlich mit Euch und den Kindern meinen würdet – dann solltet Ihr auch in der Lage sein die Öffentlichkeit mit Euren Argumenten zu überzeugen – und das nicht in dem Ihr erst das Gesetz übertretet und dann den Übertritt durch Infragestellung der Rechtsnorm legitimiert.

    Denn halten wir mal fest: Selbst wenn man der Auffassung ist daß letztendlich „das Gesetz“ mehr Schaden anrichtet – dann sollten auch diese möglichen Folgen Grund genug sein sich mit Blick auf das Wohl des Kindes gesetzeskonform zu verhalten.
    Wir leben hier in keiner Dikatur! Gesetze lassen sich ändern!
    Ich verweise mal nur darauf daß auf Homosexuelle Handlungen einmal Zuchthaus stand – heute können Homosexuelle sogar heiraten!

    Der desaströse Ruf der Pädos liegt m.E. nicht an einer schauerlichen bürgerlichen Pseudo-Moral (dises Bild wird der Realität schon lange nicht mehr gerecht.) Der desaströse Ruf der Pädos rührt einfach daher daß die Gesellschaft Pädos nur im Zusammenhang mit Übergriffen kennen lernt bei denen sich nicht gerade der Eindruck aufdrängt daß es hier um Sachen ging die da halt einvernehmlich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen passiert sind.
    Nehmen wir doch mal einfach die letzten Fälle die größeres Medienaufsehen erregt haben. Sporttrainer der mit ein paar Kindern rummacht und davon Videos sogar ins Netz stellt. Selbst wenn ich mal unterstelle daß die Kinder das vielleicht sogar aus tiefster Zuneigung zu diesem Mann mitgemacht haben sollten – bleibt da einfach im Raum stehen daß der Typ die Videos auch noch veröffentlicht hat. Wie soll man das einordnen? Als besonderen Beweis von persönlicher Zuneigung und Vertrauen gegenüber den Kindern? Oder wurden da vielleicht doch die Kinder zu „Tauschobjekten“ degradiert?

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