Vom „Informierten Einverständnis“ der uninformierten Moralisten

In meinem Text „Kinder sind Damenslips?“ habe ich mich vor einigen Monaten kurz mit dem Argument der Pädophilengegner, nach dem sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen auch bei Zustimmung des Kindes schadhaft seien, weil diese ein „infomiertes Einverständnis“ dafür bräuchten, also ein Bewusstsein von der „sozialen Bedeutung der Sexualität“, wie der Erfinder dieses Begriffs, David Finkelhor, in den 1980er Jahren schrieb, befasst. Kinder können demnach nicht wirklich einer sexuellen Handlung zustimmen, weil sie Kinder sind – ein Zirkelschluss. Ich schrieb damals:

Dass man Kinder auch aufklären kann und damit das “einfache” zu einem “informierten” Einverständnis werden könnte, kommt in diesem Argument gar nicht vor, genauso wenig wie die Frage, ob so etwas wie ein “informiertes Einverständnis” überhaupt eine Voraussetzung dafür ist, dass zwei Menschen miteinander Lust empfinden. Und was ist eigentlich mit zwei Kindern, die miteinander sexuelle Zärtlichkeiten austauschen? Sie sind nicht “informiert”, es wäre demnach schädlich für sie! Im übrigen basiert dieser ganze Quatsch vom “informierten Einverständnis” ja auf einem Zirkelschluss, denn wer begründen möchte, “weshalb sexuelle Interaktionen mit Kindern verwerflich sind, muß (…) die Verwerflichkeit schon voraussetzen, um sie überhaupt begründen zu können” (Sebastian Anders, ‘Das imptotente Kind’, in: Gigi Nr. 38): wer sich einem Kinde sexuell nähert oder auf die Avancen eines Kindes eingeht, konfrontiere es mit der als verwerflich vorausgesetzten (!) Sexualität, müsse es also zwangsläufig moralisch verderben, wobei eben dieses moralische Verderben nicht hinterfragt, sondern wie gesagt von vornherein als solches angenommen wird – und dann kommt auch nichts anderes dabei heraus. Initiiert ein Kind trotzdem einen sexuellen Kontakt oder stimmt ihm zu, beweist es damit nur, dass es dafür eigentlich moralisch noch nicht reif genug ist – weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Das Gerede vom “informierten Einverständnis” erweist sich damit als ein durch nichts begründetes Dogma.

(Text leicht verändert bzw. ergänzt)

Warum ist das so? Sexualität muss in der Finkelhorschen Argumentation einen derart hohen bzw. niedrigen moralischen Stellenwert haben, dass sie von Kindern nicht zu bewältigen ist. Das muss vorausgesetzt sein – deshalb „Zirkelschluss“. Andere Dinge des alltäglichen Lebens, wie Schule, Sport, Handel etc. bauen darauf auf, dass Kinder langsam in sie hineinwachsen und das „informierte Einverständnis“ dazu kontinuierlich erlernen (bzw.: sich die für das Überleben in der Gesellschaft notwendigen Verhaltensweisen und Normen aneignen). Nur in der Sexualität darf ein derartiges Hineinwachsen nicht stattfinden, Sexualität hat bis zum Ende des 14. Lebensjahres im Verborgenen zu geschehen, die einzige tolerierte Praktik ist die Masturbation – aber bitte im ganz privaten Rahmen –, und Aufklärung geschieht ausschließlich theoretisch in einem schulischen Rahmen. Vor allem anderen sollen Kinder „geschützt“ werden, weil ihre moralische Reife nicht dazu ausreiche, das hohe moralische Gut „Sexualität“ angemessen verarbeiten zu können.

Weil Kinder von vornherein als solchermaßen unmündig definiert werden, erscheint jede Abweichung von dieser Definition als pathologisches, krankhaftes Verhalten, dem eine „Übersexualisierung“ oder gar schlimmeres zu Grunde liege. Normale kindliche Neugier, ein gewisser Entdeckungsdrang, der sich auch in sexuellen Spielereien mit was weiß ich wem ausdrücken könnte, wird zu etwas Unnormalem, Unerwünschtem, Verpöntem. Der Fakt, dass Menschen schon vor dem 15. Lebensjahr eine Sexualität besitzen, wird unter den Tisch gekehrt zugunsten eines moralischen Bildes von Sexualität, dem nur diejenigen Menschen gerecht werden können, die den Status „Kind“ abgelegt haben – ein völlig absurder Gedanke, befasst er sich doch nicht mit dem Inhalt der sexuellen Sozialisation eines Menschen, sondern nur mit deren äußerer Form: Hauptsache, man ist kein Kind mehr, dann ist man „informiert“ und darf endlich übergehen zur „sexuellen Selbstbestimmung“. Auch das zeigt, wie wenig inhaltlich sinnvoll, wie wenig durchdacht das Ganze eigentlich ist – es ist und bleibt eben nur Moral und damit schlicht von oben aufgedrückte Voraussetzung für die Unterdrückung kindlicher (bzw. menschlicher) Bedürfnisse und Wünsche.


1 Antwort auf “Vom „Informierten Einverständnis“ der uninformierten Moralisten”


  1. 1 Nicht bange machen lassen! Wie der sexualpolitische Mainstream eine brisante Studie zu widerlegen versucht « Herbst in der Seele Pingback am 16. Dezember 2008 um 13:59 Uhr
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