Reaktionäre Sexualmoral bei „Monitor“

Die Journalistin Sonia Mikich ist moralisch empört, denn sie hat „eine neue Studie zum Porno-Konsum von Jugendlichen“ gelesen – und erbricht deshalb Worte:

Pornografie, stark sexualisierte Werbung, anzügliche Videoclips – sie sind überall, in den elektronischen Medien, im Internet. Die Welt ist voller suggestiver Bilder, sie sind jederzeit verfügbar. Schnell, billig, ohne die Scham, die früher gängig war. Es ist völlig normal, mit dem Handy den Geschlechtsverkehr anderer Leute mal kurz auf dem Weg zur Schule oder Arbeit anzugucken.

Schlimm sowas. Statt wie früher heimlich unter der Bettdecke oder nachts auf Sat1, wenn die Eltern schon im Bett waren, haben Jugendliche heutzutage tatsächlich jederzeit und überall Zugriff auf Darstellungen sexueller Art und – skandalös – geilen sich sogar daran auf. Aber dürfen die das? Nein:

Mit Lust an Sex, erotischer Spannung oder gar liebevollen Gefühlen hat das nichts mehr zu tun.

Sie sind verdorben, diese Jugendlichen, weil sie Sex konsumieren, geil finden und selber haben. Völlig normal, sagen Sie? Nicht für Frau Mikich, die „Sex“ und „Sex“ für zwei verschiedene Dinge hält. Aber sie weiß noch mehr, z.B. genauestens Bescheid darüber, was in den Herzen der Jugendlichen vorgeht, über die sie spricht:

Ist es wirklich souverän, völlig abzuschalten, wenn 13jährige Porno-Rap hören und mit Analverkehr angeben, bevor sie überhaupt Herzklopfen kriegen?

Ich weiß nicht, in welchem Alter diese Frau das erste Mal verliebt war; ich war es mit zehn. Was für ein vertrocknetes Weltbild muss man haben, um Kindern amouröse Gefühle abzusprechen? Ach so, liegt ja an den schlimmen Pornos und an der „pädophilen Bildsprache“ (was auch immer das sein soll) in der Werbung, die sie konsumieren, denn die „ruinieren“ die „Gefühle von Jugendlichen“, wie es im Titel des für heute geplanten Beitrags im ARD-Politmagazin „Monitor“ heißt, dessen Chefredakteurin Mikich ist. Blöd nur, dass es dafür nicht einen fundierten Beweis oder auch nur eine psychologische Theorie gibt, die da einen Zusammenhang herstellen könnte. Die einzigen Belege für Mikichs Behauptungen sind ungesteuerte Alltagsbeobachtungen und ihre eigene moralische Empörung, mithin ist das Ganze unwissenschaftliche Hetze gegen die Moderne und für eine Welt mit reaktionären Sexualitätstabus. In die diverse Kommentatoren auf dem „Monitor“-Blog auch fleißig einsteigen: „Grenzen“ werden da gefordert, „Werte“, „früher war alles besser“, und immer wieder die gegenseitige Versicherung darüber, wie unglaublich empört man doch ist. Gut, dass die Justizministerin Brigitte Zypries gerade mal wieder festgestellt hat, dass mittlerweile alle Menschen unter 18 Jahren „Kinder“ seien, also geschlechtslose Wesen ohne Sexualtrieb, die man vor der bösen, bösen „übersexualisierten“ Welt schützen müsse.

Worum es da eigentlich geht, ist klar und wird auch von Frau Mikich nicht verschwiegen: „das Menschenbild wird immer kläglicher“, schreibt sie; es geht ihr also um ihr moralisches Idealbild vom Menschen und nicht etwa um das, was reale Menschen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene – so umtreibt, was sie für Bedürfnisse haben, wie sie leben wollen, was sie geil finden. Und dann kommt da eben so ein Unsinn dabei heraus wie die Vorstellung, dass „der Jugendliche“ an sich durch zuviel Pornographie oder sexualisierte Werbung plötzlich „verrohe“, d.h.: keine Gefühle mehr entwickeln könne. Dass die Umgangsformen untereinander etwas roher geworden sein mögen: geschenkt. Wo aber ist das Problem außer in der Verletzung des eigenen Menschenbilds? Es gibt keins.

Ganz am Ende ihres Eintrags wendet sie dann noch einen Trick an:

Porno ist keineswegs sexy, das erkennt man ziemlich schnell. Sie illustriert vielmehr Machtverhältnisse, nach dem Motto: Männer können immer, Frauen wollen immer. Und im Zweifel ist ein Mädchen ein Loch mit etwas drumherum. Das ist einfach unsympathisch und bösartig. Dagegen möchte ich mich wehren.

Jetzt ist es plötzlich nicht mehr der ganze Sex allgemein, der die Jugend kaputt macht, jetzt geht es plötzlich um sexistische Machtverhältnisse und darum, dass Frauen durch die Form des dargestellten Sex‘ erniedrigt würden – zwei völlig unterschiedliche Sujets also, die aber plötzlich zu einem einzigen werden, um Gegenargumenten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nun: dass es sexistische Werbung und Pornographie in einer sexistischen Gesellschaft gibt, ist eine Binsenweisheit. Aber die ist nicht einfach daraus zu erklären, dass die bösen Männer die guten Frauen aus niederträchtigen Motiven ausbeuten wollen. Wer so eine Kritik aufmacht, stört sich nicht daran, dass es überhaupt ein bipolares Geschlechterverhältnis gibt, der will einfach nur sowas wie Gerechtigkeit innerhalb eines Systems, das aus sich heraus den Sexismus benötigt, also immer ungerecht ist, den individuellen geschlechtlichen Bedürfnissen einzelner Menschen niemals gerecht werden kann:

Die Einteilung der Menschheit geht entlang der potentiellen Fertilität, d.h. des Vorhandenseins einer Gebärmutter. Es geht um die Reproduktion einer Gesellschaft, die den Ausschluß der Mehrheit ihrer Mitglieder vom Großteil des gesellschaftlichen Reichtums organisiert. In der ist die Reproduktion der Gattung Mensch alles andere als eine Privatsache, an ihr haben Staat und Kapital so ihre Interessen – in einer solchen Gesellschaft sind die unterschiedlichen Funktionen, die Menschen beim Menschenproduzieren einnehmen können, in der Tat relevant (…)

(„Herrschaftskritik oder Feminismus?“, in: CEE IEH #54)

Da schlicht zu sagen: „die Männer machen böse frauenverachtende Werbung, schauen wir mal, dass das weniger wird“ geht am eigentlichen Problem, einer Herrschaftsgesellschaft, die Menschen notwendig anhand biologischer Funktionen sortiert, vorbei (übrigens: auch Männer werden ja in der Werbung „geschlechtstypisch“ dargestellt und sexualisiert). Aber das wäre auch zuviel für Sonia Mikichs Empörung – die ist dezidiert moralisch, völlig argumentfrei und einfach nur an diejenigen Reaktionäre gerichtet, die die Sexualmoral dieser Gesellschaft weiter zurück ins Mittelalter katapultieren wollen.


6 Antworten auf “Reaktionäre Sexualmoral bei „Monitor“”


  1. 1 bigmouth 14. März 2008 um 12:28 Uhr

    bist du mit deinem urteil, dass hardcorepornographie zu konsumieren für 12jährige unproblematisch ist, nicht auch etwas vorschnell zur hand?

  2. 2 Administrator 14. März 2008 um 20:40 Uhr

    Nichts ist unproblematisch. Auch nicht der Konsum von Hardcoreporn, übrigens egal, wer sie konsumiert. Aber es ist ja nun nicht so, dass Sonia Mikich hier sachlich darauf hinweisen würde, dass sowas problematisch sein könnte. Sondern sie beklagt argumentfrei eine „Übersexualisierung“ der Jugend, die „Gefühle ruinieren“ würde, Gefühle zudem, die sie offenbar ohnehin erst ab 14 gelten lässt, denn 13jährige können ja ihrer Meinung nach kein „Herzklopfen“ haben. Das ist sexual- und jugendfeindlicher Mist.

  3. 3 Udo Werntges 11. Februar 2009 um 17:37 Uhr

    Warum schreibst Du ihr das nicht in Ihren Blog – so hätte sie die Chance zu antworten… Ich finde, dass sie prinzipiell recht hat – hier prallen doch Extreme aufeinander: 50er Jahre unter der Bettdecke und TOtalpornograhisierung. Ich kann keins von beiden gut heißen. Udo

  4. 4 Admin 12. Februar 2009 um 13:50 Uhr

    Ich habe damals einen Trackback geschickt. Ist nicht veröffentlicht worden.

  5. 5 Thommen 12. Februar 2009 um 22:22 Uhr

    In der Schweiz wurde kürzlich eine 13jährige zur grossen Freude der Öffentlichkeit Mutter… Keine Traumatisierungen, keine negativen Lebensveränderungen, weil politisch korrekt „gesext“!

    Ich finde persönlich, dass es niemals Aufgabe von Kindern sein kann, Kinder zu zeugen/gebären! Ganz zu schweigen von dem Eindruck, den diese Geborenen später von ihren Müttern haben werden.

    Wäre es eine Sexaffäre zwischen Knaben gewesen, wäre ein Aufschrei der Empörung publiziert worden. Wäre es eine zwischen Mädchen gewesen, hätte es niefrauden interessiert.

    Frau Mikich und Anderen in einen Blog zu schreiben bringt übrigens gar nix. Denn Gläubige sind durch Vernunft nicht zu „bekehren“. Allein der Hinweis von Bornemann mit seiner festgestellten „pubertären Amnesie“ kann weiterhelfen…

  1. 1 Hände unter die Decke! Über das sexuell verwahrloste Bürgertum und seine Kinder « Herbst in der Seele Pingback am 12. November 2008 um 16:13 Uhr
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