Archiv für April 2008

Pervers

„Ihm passiert aus meiner Sicht das Schlimmste, was einem Vater passieren kann“, wird Klaus J. Behrendt, der in „Guter Junge“ den Vater eines pädophilen Jugendlichen spielt, in „Bild“ zitiert. Pädophilie schlimmer als ein schwerer Unfall, als Gewalt in der Familie, als der Tod des Kindes? Wie pervers ist das denn bitte?

Wunderliche Welt

Bei der Boulevard-“Wissenssendung“ „Welt der Wunder“ gab es neulich einen Beitrag über Kindesmissbrauch, in dem mal wieder Pädophilie und pädophile Beziehungen mit sexueller Gewalt und Nötigung gleichgesetzt wurden. Pädophile kommen darin nur vor als Menschen (bzw. Tiere, man achte auf die Metaphern) mit „perversen Fantasien“, die Kindern „auflauern“ und „auf die Jagd“ nach ihnen gehen. In den Kommentaren zu dem dazugehörigen Blogeintrag des WdW-Webfernsehens wird deutlich, dass die meisten dort Kommentierenden nicht zwischen Pädophilie und Ersatztäterschaft unterscheiden können: für Otto Normalzuschauer ist auch (bzw. nur!) derjenige pädophil, der ein Kind lediglich benutzt, um daran seinen Sexualtrieb oder seine Machtansprüche auszuleben. Ein Beziehungswunsch, ein echtes Interesse an der Persönlichkeit des begehrten Menschen, der Wunsch, Zeit mit ihm zu verbringen, einfach, weil man ihn liebt, das ist in den Köpfen noch nicht angekommen. Getroffen wird diese Unterscheidung immerhin in dem die Sendung begleitenden Text „Wie die Täter vorgehen“ auf der WdW-Seite, dort allerdings relativiert dadurch, dass dieser Beziehungswunsch unecht sei, lediglich ein Alibi, um „ihren Sexualtrieb zu befriedigen“. Dass man so auch gegen Vertreter aller anderen „Sexualitäten“ anschreiben kann, soll ein kleines Experiment zeigen: ich „übersetze“ den Text mal in eine Hetzschrift gegen männliche Heterosexuelle. Viel Vergnügen:

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So ist das

So ist diese Welt: „Schämst du dich nicht, mit kleinen Kindern zu spielen?“, sagt der Kleine zu mir. Sollte ich? Die Trennung zwischen den Welten bereits so früh vollzogen, es ist ein Jammer. Trotzdem ein schöner Nachmittag. „Kommst du morgen wieder raus?“ :)

Ein Jahr ist um

Ein Jahr ist vergangen, seit ich dieses Blog gestartet habe. Ich habe es ursprünglich eingerichtet, um der Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlich verpönten Neigung, derer ich mir im Laufe der Monate zuvor bewusst geworden war, ein Ventil zu verschaffen. Auch habe ich viel zum Thema gelesen und diskutiert; die Ergebnisse dessen sind hier zu finden. Die Zweifel, Gedanken, die inneren Kämpfe, all dieser ganze Kram, der mir wichtig war während dieses Selbstfindungsprozesses, in Form theoretischer Texte zur Pädophilie, aber auch Anmerkungen persönlicher Natur, dokumentieren zu können, war und ist mir sehr wichtig, und ich hoffe, dem einen oder anderen haben diese Texte auch etwas gegeben – neue Einsichten etwa, Denkanstöße oder Hilfe in einem eigenen Selbstfindungsprozess. Es ist sehr wichtig nicht zu verdrängen, was man fühlt: sich ständig zu fragen, warum man sich nicht verlieben kann so wie die anderen sich verlieben; das Warten auf „den Richtigen“ oder „die Richtige“; die Angst, auf ewig einsam bleiben zu müssen, das macht einen fertig mit der Zeit. Ich bin froh, dass ich das hinter mir lassen konnte.

Während dieses Jahres ist viel passiert. Kurze, schöne Erlebnisse mit Jungen, teilweise auch Bindungen über mehrere Wochen und das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein; heftiger Liebeskummer, euphorische Verliebtheit, ein stetiges auf und ab, das aber in jedem Fall besser ist als die Leere zuvor; Unterstützung sowohl von Freunden als auch von anderen „Betroffenen“ online; Ablehnung selbstverständlich auch, und die stets unterschwellig vorhandene Angst vor Verfolgung aufgrund der schlichten Tatsache, dass man sich in die falschen verliebt: in Jungs statt in Männer oder Frauen. Aber das ist nichts gegen das Gefühl, endlich zu wissen, was man will bzw. was man schon immer gewollt und gefühlt hat – und das auch selbstbewusst nach außen hin vertreten zu können. Dafür ein herzliches Dankeschön an die Betreiber von Blogsport.

Neulich habe ich den Film „Maurice“ gesehen, in dem es um die Liebe zwischen Männern im England der Jahre 1910-1914 geht: die Angst vor Verfolgung, die Taktiken der Verschleierung der eigenen Liebe, das alles hat mich sehr an die Situation pädophil empfindender Menschen heutzutage erinnert. Dieses Blog wird deshalb auch weiterhin Aufklärungsarbeit und Kritik leisten, wo diese nötig ist.

Der Vater und die arme Sau. Über „Guter Junge“

Eins vorweg: „Guter Junge“ von Karl-Heinz Käfer (Buch) und Thorsten C. Fischer (Regie) ist ein guter Film. Er ist handwerklich sauber inszeniert, von brillanten Schauspielerinnen und Schauspielern getragen und vermag mit seiner dichten Atmosphäre von vorne bis hinten den Zuschauer zu fesseln. Es ist aber kein normaler Film; es ist ein Film über „das Unfassbare“, „das Unerträgliche“, nämlich: Pädophilie.

Interessant ist es zu beobachten, wo der Trend der Fernsehfilme über Pädophilie hingeht: nach dem Polizeiruf 110 „Gefährliches Vertrauen“, der Bloch-Episode „Der Kinderfreund“ bis hin zum WDR-Tatort „Verdammt“ zeigen sie allesamt Menschen (und keine Monster – das an sich ist schon bemerkenswert), die an ihrer pädophilen Neigung leiden und dadurch in kaum lösbare Konflikte geraten, die aber auch mit therapeutischer Hilfe durchaus lernen können, mit ihrer „psychosexuellen Störung“ zu leben. Das ist der breiten Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Charité mit ihrem Präventivprojekt „Kein Täter werden“ geschuldet, das Pädophilie als nicht heilbar, aber therapierbar beschreibt und davon ausgeht, dass „diese Leute“ allesamt einer Therapie bedürfen, um nicht straffällig zu werden: nur ein therapierter Pädophiler ist ein guter Pädophiler lautet das Motto, und so ist es auch kein Wunder, dass der Pädophile in „Guter Junge“, der 17jährige Sven, am Ende im Knast landet, denn sein Vater und er haben sich einer Therapie verweigert.

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Wie der Abendstern

Ich hatt‘ einen klugen Knaben so gern,
er ist mir so lieb wie der Abendstern
in des Lebens Mühle gewesen.
Ich hielt‘ ihn rein wie das Himmelsbild,
auf seines Herzens sonnigem Schild
mocht ich nur Gutes lesen.

Da flog eine bange Wolke daher,
nicht von ihm, nicht von mir, von ungefähr
und brachte bösen Schaden.
Wir wurden getrennt, ich ward‘ vor Gericht,
als wär es eine heilige Pflicht,
schuldlos mit Schulden beladen.

Nun seufz‘ ich in großer Schmach und Pein,
verstoßen, gefangen, verriegelt, allein,
wo tausend Verbrecher gesessen.
Dem Knaben wurde ein Hündchen geschenkt,
damit er es streichelt und füttert und lenkt,
um den anderen Hund zu vergessen.

(„Er ist mir lieb wie der Abendstern“ ist der Titel eines 45minütigen Hörspiels von Geri Diller, das vor einigen Tagen im Schweizer Radio DRS ausgestrahlt wurde. Es behandelt ein reales Ereignis im Jahre 1902: die Liebe zwischen dem Priester und Schriftsteller Heinrich Federer, von dem obiges Gedicht stammt, und dem 12jährigen Emil Brunner sowie die Verhöre und den Prozess wegen Päderastie und „unsittlichen Verhaltens“, ausgelöst durch die Anzeige eines Hoteliers, bei dem die beiden übernachtet haben. Man kann es sich online jederzeit anhören, indem man z.B. mit einem Mediaplayer wie VLC den Netzwerkstream rtsp://audio.drs.ch/drs1/hoerspiel/2007/080331_abendstern.MP3 öffnet; es lohnt sich.)