Krch

Ja kapierst du das nicht, fragt Lorenz und wirft den Putzlappen nach ihm: die eigene Schwester erwürgt die eigenen Brüder, die Hunnenschaft säbelt das Nibelungenheer zu Bruch, die eigene Schwester ersticht König Gunther, einen dritten Bruder, und Hagen verblutet unter Krimehilds Triumphgeschrei, und all die anderen Edlen aus Worms spucken Blut, kotzen ihr Gedärm…
Die Edlen aus Worms?, lacht Arno.
…und das Publikum tobt vor Begeisterung, kreischt vor Vergnügen, nur beim Kind, als die Halswirbel krachen, nur beim Kind, als es entseelt zu Boden sinkt…
Heult es auf, lacht Arno.
…heult es auf, dieses Pack, und warum? Bei den Männern und Brüdern warum nicht? Ist ein Kind eine heilige Kuh und sind erwachsene Männer Abfall, Geschmeiß? Ist ein Kind beklagenswerter als ein Mann? Darf man die Männer und Frauenwelt in Blut ersäufen und einzig das Kind…
Herzjesulein, kichert Arno.
…und einzig das Kind ist der Welt einen Seufzer wert, eine Träne?
Es geht eine Träne auf Reisen, singt Arno.
Ist denn dieses Kind ein Prinz-rühr-mich-nicht-an?
Krch, macht Arno und läßt seine eigenen Wirbel knacken.

(Dialog zwischen dem 37jährigen Lorenz und dem 12jährigen Arno, aus: Walter Foelske, „Tabu“, Trotz Verlag 2008)


1 Antwort auf “Krch”


  1. 1 Anonym 12. August 2008 um 21:16 Uhr

    Sehr schöne Textstelle!

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