Angstfrei und selbstbestimmt? Gedanken zu Manipulation und Kinderschutz

Dass Kinder unmündige Wesen sind, die man vor allerlei Bösem, z.B. der Sexualität, schützen muss; dass sie nicht in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen, außerdem extrem beeinflussbar und leicht zu manipulieren, darüber herrscht bei sog. Kinderschützern bekanntermaßen Konsens. Dass sie trotzdem schon in der Grundschule das selbstbestimmte Lernen ausüben sollen; dass es ein Gesetz gibt, das ihnen unter der Überschrift „Schutz der sexuellen Selbstbestimmung“ Sexualität mit anderen verbietet: auch das ist bekannt. Der Widerspruch stört dabei nicht. Kinder sollen angstfrei und selbstbestimmt aufwachsen, damit sie irgendwann einmal selbst bestimmen, mündige Bürger einer funktionierenden Demokratie sein zu wollen.

Insbesondere die Vorgabe, Kinder auf dem Feld der Sexualität in Ruhe zu lassen, damit sie ja nicht manipuliert werden in ihrer sexuellen Selbstbestimmung, gilt als heilig. Sexualität könnte ihnen, wie allen anderen Menschen auch, Angst machen, sie verstören oder überfordern, und das ist – da sind wir uns alle einig – schlecht. Manipulation, die, im Falle der Sexualität, darauf hinausläuft, dass Menschen Dinge tun, die ihre subjektiven körperlichen und psychischen Grenzen überschreiten, ist abzulehnen. Aber auch diejenige Manipulation, die durch andere Faktoren, z.B. die plötzliche Stigmatisierung eigentlich als schön empfundener Dinge, negative Gefühle wie Angst, Ekel, Scham, hervorruft, ist Mist. Eine Frage stellt sich aber erstmal: Sind Kinder wirklich so leicht zu manipulieren?

Durchaus. Als Erwachsener, der gerne Zeit mit Kindern verbringt, erlebe ich das immer wieder. Zum Beispiel neulich: da lerne ich einige Jungen kennen, ganz unverfänglich, sie sprechen mich an, es entwickelt sich ein kurzes Gespräch, aber ich lasse sie recht schnell wieder alleine spielen, da sie mir nicht so sympathisch erscheinen. Einige Tage später treffe ich sie wieder an der gleichen Stelle, in der Zwischenzeit musste ich feststellen, dass ich doch recht häufig an sie denken musste, vor allem an einen von ihnen, und dieser eine ist es auch, der auf mich zukommt und mich anspricht und mir spontan ein paar selbst gepflückte Brombeeren anbietet. Diesmal bleibe ich länger bei ihnen, so unsympathisch sind sie gar nicht, im Gegenteil, wir verstehen uns gut und schnell werde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein wenig mit ihnen Fahrrad zu fahren. Gesagt, getan. Wir fahren also los, und ich führe sie herum und erkläre ihnen ein wenig einiges Interessante über diesen Ort. Irgendwann fängt es an zu regnen, und wir verabschieden uns voneinander. Eine Woche später treffen wir uns erneut, wir verbringen den ganzen Nachmittag zusammen. Es deutet alles darauf hin, dass hier eine nette Freundschaft entstehen könnte. Mehr erwarte ich gar nicht, ich mag sie einfach, es ist schön, mit ihnen Zeit zu verbringen, vor allem mit diesem einen von ihnen, bei dem ich mich frage, ob das nicht doch schon etwas Verliebtheit ist, die ich da spüre. Ich bin ein williges Publikum für die Kunststückchen und Blödeleien, die die Jungs so drauf haben, ich höre ihnen gerne zu, wenn sie etwas aus ihrem Leben erzählen. Es ist schön zu sehen, wie stolz sie auf sich selber sind und wie sie sich freuen, das einem „Großen“ zeigen zu dürfen.

Wiederum eine Woche später, mittlerweile habe ich auch die Mutter des Jungen kurz kennengelernt, die Eltern wissen also, dass ihre Jungen Zeit mit einem fremden Mann verbracht haben, auch auf der Straße wurde ich mit ihnen gesehen. Nun merke ich, dass etwas anders ist: ich werde direkt gefragt, wo ich hin will, wenn ich den Jungen treffe: er will wissen, ob er mein Ziel ist oder ich nur zufällig und flüchtig vorbeischaue, etwas, was ihm vorher nie wichtig war. Er ist nicht mehr so freundlich, erzählt nicht mehr so viel von sich aus, fragt nichts mehr, zeigt mir kaum noch was; ich habe das Gefühl, er möchte mich loswerden, also bleibe ich nur kurz. Am nächsten Tag ist das Treffen noch kürzer, er siezt mich plötzlich und nur dieses eine Mal, sagt, dass ich „eigentlich“ ja gar nicht mit Kindern zusammen sein dürfte, schließlich sei ich erwachsen. Wieder einen Tag später treffe ich ihn und zwei Freunde zufällig, wir begrüßen uns, aber er will jetzt sofort, dass ich zu seiner Straße fahre, er komme später nach. Warum er das will? Damit er schnell nach Hause kann, wenn er nach Hause muss bzw., was er nicht sagt, wenn ich ihm etwas antun sollte. Ich spüre weitere Ablehnung, fahre erst einmal herum, gehe später aber zu den Jungen, aber sie tuscheln über mich, besonders einer tut sich dabei hervor, und irgendwann, als sie gehen wollen, nachdem wir eigentlich noch eine ganz nette halbe Stunde zusammen hatten, sagt der, dass ich auch gehen soll, und zwar nach Hause, während „mein“ Junge immerhin noch einmal wiederholt, ich solle mitkommen zu seiner Straße. Dazu habe ich nun aber keine Lust mehr, ich setze mich einfach auf eine Bank, und als ich die Jungen später von weitem sehe und sie mich, ruft „meiner“: „Willst du uns was antun?!“ Aus der Frage, ob wir zusammen Fahrrad fahren wollen, ist die Frage geworden, ob ich ihm Gewalt antun wolle.

Warum ich das in diesem Kontext erzähle? Um zu zeigen, dass Manipulation, die Angst erzeugt, von sich als Kinderschützer verstehenden Menschen offenbar sogar gewünscht ist: das Vertrauen, das dieser Junge mir einfach so entgegengebracht hat, wurde zerstört, an seine Stelle trat die Angst vor dem fremden Mann, der, alleine deshalb, weil er erwachsen und männlich ist, prinzipiell als Gefahr für Kinder gilt. Unschuld, kindliche Naivität, der Spaß an der spontanen Begegnung mit einem anderen Menschen, diese in der Debatte um die sexuelle Selbstbestimmung so ungemein wichtigen Faktoren werden plötzlich völlig unwichtig, wenn es darum geht, Angehörige einer als feindlich ausgemachten Gruppe – hier: die Männer – von Kindern fernzuhalten. Da sollen sie dann plötzlich Angst haben, da sollen sie dann auch an allerlei Schreckliches denken, was Männer mit Kindern so machen könnten, da ist ihre „Unschuld“ dann nicht mehr so wichtig.

Nun ist die elterliche Sorge um das Wohl ihrer Kinder ja nachvollziehbar und richtig. Aber was für Konsequenzen muss die haben? Kinder zu Hause einsperren, nicht alleine draußen spielen lassen? Das schadet ihnen auf jeden Fall, zumal die größten Gefahren, wie wir aus Statistiken wissen, ja ohnehin in der eigenen Familie lauern. Dass Kinder im öffentlichen Raum auch Erwachsene treffen und evtl. sogar kennenlernen, das sollte normal sein. Wenn da die Familie mit einbezogen wird, man nichts heimlich mit den Kindern macht, wo ist dann das Problem, wieso wird man dann automatisch als Gefahr gesehen? Vielleicht liegt es auch daran, dass diese Gesellschaft so ungemein kinderfeindlich ist, dass es fast schon als undenkbar gilt, dass ein Mann außerhalb einer beruflichen Funktion als Pädagoge Kinder einfach nett findet und sich mit ihnen anfreunden möchte. Geschieht so etwas, wird direkt der Missbrauch, die Schändung, gar der Mord an dem Heiligtum „Kind“ mitgedacht, das als Unberührbares schlicht tabu ist, und zwar für alle und in allen Lebenslagen – außer für jene, die es qua Biologie oder Gesetz „besitzen“, und jene, die ein staatliches Zertifikat vorweisen können, das sie als „Pädagoge“, also als tauglich für den Umgang mit den in Anstalten aufbewahrten Unberührbaren, ausweist.

Kinder sollen angstfrei und selbstbestimmt aufwachsen. D‘accord! Wieso wird ihnen dann Angst gemacht? Wieso werden sie fremdbestimmt?


7 Antworten auf “Angstfrei und selbstbestimmt? Gedanken zu Manipulation und Kinderschutz”


  1. 1 Different 21. August 2008 um 1:04 Uhr

    Danke für diesen Erlebnisbericht, fand ich sehr interessant. Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich nicht weiß wie ich an Stelle der Eltern gehandelt hätte. Sie kennen dich nicht und können deswegen nicht einschätzen, ob du eine Gefahr für ihre Kinder darstellst oder nicht. Welches Verhalten würdest du dir von Eltern wünschen, mit dessen Kindern du dich anfreundest?

  2. 2 tee 21. August 2008 um 3:21 Uhr

    also bei mir wäre das zumindest ein nichtparanoides. denn das verhalten der meisten eltern rührt tatsächlich nicht mehr aus begründeten ängsten, sondern aus einer gesellschaftlichen stigmatisierung von männern, die sich kindern nähern. ganz pauschal und ohne irgendwelche gefahren. hat ganymed schon ganz gut beschrieben …

    aber das gefühl, dass kinder heute im gegensatz zu früher schon stärker beschützt werden, beschleicht nicht nur mich. also dass die angst der eltern, ihren kindern könnte da draussen etwas zustossen, proportional mit der darstellung von unfällen und „untaten“ in den medien anstieg und noch ansteigt, ist dabei ja eine nicht zu verachtende these.
    ganz analog zur angst vor dem terror. auch da ist die gefahr tatsächlich opfer zu werden verschwindend gering, die angst dafür jedoch relativ riesig.

  3. 3 laylah 23. August 2008 um 23:55 Uhr

    different: na, dass sie ihn halt kennenlernen, würd ich sagen. wenn eltern sehen, dass ihr kind zockt, schmeißen sie ja auch nicht erstmal den pc ausm fenster.

  4. 4 Savo Vasic 27. August 2008 um 15:20 Uhr

    Danke für den Bericht.

    Habe als Kind im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, mal was ähnliches miterlebt. Ein Schulfreund von mir hatte dort ein ähnliches Verhältnis zu einem jungen Mann (ca. 25-30 Jahre).

    Nachdem die beiden sich immer weiter anfreundeten, gab’s erste Gerüchte, nach ungefähr zwei Wochen war der Druck von Seiten der anderen Kinder und den Erwachsenen so gross geworden, so dass der Betroffene seine Wohnung und seinen Job aufgab und wegzog. Meines Wissen ist dieser nie wieder aufgetaucht und die Sache war für die Dorfbewohner abgeschlossen.

  5. 5 SnoopyBoy 10. September 2008 um 0:15 Uhr

    > dass ich “eigentlich” ja gar nicht mit
    > Kindern zusammen sein dürfte, schließlich
    > sei ich erwachsen.

    Diese Vorstellung ist weit verbreitet, die Mauer zwischen Erwachsenen und Kindern ist inzwischen so groß, dass Kinder in Parallelwelten leben, oft wissen Eltern garnicht, was ihre Kinder wirklich den ganzen Tag tun!

    Ich sage, insofern ein Junge mir sowas vowirft dem Jungen gerne, dass das, was er da gehört hat, gelogen ist: Es ist legal, mit Kindern Kontakt zu haben. Derjenige, der das Gegenteil behauptet, sollte doch bitte Beweise liefern!

    Im Endeffekt kann ich die Sorge der Kinder verstehen, das Problem ist offensichtlich: DU hast es NICHT geschafft, Vertrauen zu den Eltern und damit zu den Kindern aufzubauen!

    > wieso wird man dann automatisch als Gefahr gesehen?

    Weil eine Gefahr potentiell wirklich IN EINIGEN FÄLLEN vorhanden ist! Das musst du zugeben! Ich renne ja auch nicht mit irgendwelchen Leuten durch die Gegend, die ich nicht kenne!

    Sei froh, DIESE Kinder reden noch mit dir, fragen dich, ANDERE Kinder kommen mit Brüdern, Eltern und Kumpels und verprügeln dich!

  6. 6 Administrator 10. September 2008 um 14:40 Uhr

    Du kannst einem ja richtig Mut machen, SnoopyBoy. ;)

    In diesem Fall habe ich ja geschrieben, dass ich früh den Kontakt zu der Mutter eines Jungen gesucht habe. Auch bei einer anderen konnte ich mich vorstellen. Ich wollte damit alte Fehler vermeiden (zu lange den Elternkontakt aufschieben), habe es aber damit trotzdem nicht geschafft, Vertrauen zu wecken, da hast du Recht. Du wirst aber auch einsehen müssen, dass zu einem Kontakt zwischen zwei Menschen immer beide Seiten gehören. Vielleicht habe ich gar nicht so viel falsch gemacht, sondern die Mutter war einfach generell zu misstrauisch/zu dumm/zu bösartig/was weiß ich. Ich mein, wenn ein bisschen Vorstellung/Small Talk nicht reicht, um die Angst zu verlieren (verständlich), dann könnte man doch mal versuchen mich näher kennenzulernen anstatt direkt die Böser-Mann-Keule auszupacken.

    Interessanterweise erzählen mir andere Pädos, dass sie überhaupt keine Probleme solcher Art haben, im Gegenteil, da bedanken sich die Eltern dann sogar dafür, dass man Interesse an ihrem Kind hat. Nun weiß ich nicht, ob deren Erzählungen stimmen, aber es tut halt schon weh, sowas zu hören und dann für sich festzustellen, dass man immer wieder nur auf solche Betonkopf-Eltern trifft. Oder, was noch viel schlimmer wäre: dass man einfach nicht genug soziale Fähigkeiten hat, um überhaupt bei irgendwem „landen“ zu können – abgesehen von den Jungs, da hab ich ja nun zum Glück weniger Probleme. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. In jedem Fall wird die Angst vor einem neuen Versuch bei jedem Scheitern größer und damit das Selbstbewusstsein weniger, und irgendwann versucht man’s gar nicht mehr und leidet nur noch vor sich hin. Und warum das alles? Siehe den Beitrag zu „Als Jonathan starb“…

  7. 7 rxsa 25. Mai 2009 um 14:18 Uhr

    In meinem Leben haben bislang 3 Jungen eine wirklich wichtige Rolle gespielt. Zu zweien von damals ungefähr 11 Jahren und einem jetzt 14 jährigen. Auf Grund des unterschiedlichen Alters der Jungen unterscheiden sich auch die Art der Beziehungen ganz eindeutig. Während ich den beiden jüngeren einfach ein guter Freund war (wenn auch leider viel zu kurz) weiß der ältere sehr genau von meiner Neigung und meinen aufrichtigen Gefühlen für ihn, erwidert sie jedoch nicht. Das führt unweigerlich zu einer nicht so recht ausbalancierten und schmerzhaften Freundschaft, die ich trotzdem nicht missen möchte. Ein wenig masochistisch vielleicht. :D Aber worauf ich eigentlich hinaus möchte: Meine Beziehung zu den Eltern. Zur Zeit meiner jüngeren Liebsten war ich gerade etwa 18. Nicht unbedingt das alter in dem man sich mit 11 jährigen zum Spielen trifft, aber doch unproblematischer als mit 30. Ich habe immer Sorgen darum gemacht das die Eltern der Jungen mich ein wenig merkwürdig finden würden. Aber irgendwie hat sich zu ihnen ein sehr positives Verhältnis aufgebaut. Nun hatte ich das Glück auch mit dem 3 Jahre älteren Bruder des einen Jungen berfeundet zu sein und mit der Cousine des anderen Jungen eine Beziehung zu führen, so das ich Kontakt zu den Jungen haben konnte ohne das es sofort so aussah das ich eigentlich den Kontakt zu den Kleinen suche. Die Tante meiner Exfreundin jedoch weiß inzwischen von meiner Sexualität und ich habe keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn, was jedoch daran liegt, dass ich auch kaum noch Kontakt zu meiner Exfreundin habe und an der Entfernung unserer Wohnorte. Ich habe die Mutter (also die des Cousins meiner Exfreundin; ich hoffe ich verwirre nicht zu sehr) jedoch vor kurzem wieder getroffen und wir haben ein gutes Gespräch geführt. Ihr Junge war auch anwesend, aber er war so schütern als wäre nie etwas zwischen uns gewesen. Ob seine Mutter mit ihm über mich gesprochen hat und es daran liegt, kann ich jedoch nicht sagen. Die Mutter des (zur Zeit aktuellen Gefühlschaos) 14 Jährigen kennt und mag mich sehr (was eindeutig auf Gegenseitigkeit beruht; klasse Frau) und hat mir nur geraten mir keine Hoffnugen zu machen die nicht erfüllt und nur entäuscht werden könnten. Manch einer würde sagen das sei anmassend, doch eigentlich hat sie recht. Ich bin jetzt fast 21 und fürchte das ich nicht immer so viel Glück mit den Eltern meiner Jungs haben werden, schon gar nicht wenn ich älter werde. Bisslang ist es gut gegangen und ich wünsche dir auch das du einmal so positive Beziehungen zu beiden, den Jungs und seinen Eltern erfahren wirst. Denn die sind ebenso wichtig in einer Beziehung (wie auch immer sie ausarten mag) zu einem Jungen, wie der Junge selbst. Also viel Glück (und Geschick) :D Ich glaub an dich. Du scheinst mir ein sehr intelligenter Mensch zu sein und auch wenn ich dich nur aus dem kenne was du hier schreibst, bist du mir sehr symphatisch.

    mfg rxsa

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