Als Jonathan starb

Serge war kein Wesen, das man lieben konnte, kein vernünftiger und freier Mensch, der einen Ort seiner Wahl für seine Zärtlichkeit und sein Heim bestimmt hatte. Er war nur ein Kind, von seinem Besitzer ausgeliehen, besser noch, abgesetzt. Barbara gehörte niemandem, Jonathan auch nicht, aber Serge gehörte jemand anderem. Also gab es ihn nicht; die Gefühle, die er einflößte, die er selbst verspürte, gab es also auch nicht. Ihn für lebendig zu halten, ihm zuzuhören, ihm nachzugeben, waren lächerliche Irrtümer. Er hatte seinen Kinderkäfig nicht verlassen, er hielt sich noch immer zu Füßen jener auf, die die Schlüssel und die eingeschlossenen Kreaturen im Auge haben. Man konnte sich täuschen lassen, weil diese Gefangenen reisen durften, am Auge vorbeiglitten, Leidenschaften und Augenblicke entfachten: ihre Etiketten, ihre notariellen Urkunden, ihre Polizeizeugnisse und Handelsakte bewiesen, daß sie in Besitz genommen waren – daß sie sich nicht selbst gehörten.
Diese Selbstverständlichkeiten quälten Jonathan. Er hatte keinen Begriff von der Kindheit. Was man so nennt und liebt, ekelte ihn an. Serge schien ihm ein vollendetes Wesen, anders als andere, ähnlich wie andere, den anderen gleich. Ein Mensch, der altern wird wie die anderen auch: am Anfang natürlich etwas weniger als die anderen. Er würde wachsen: eine schwache Veränderung im Vergleich zum Haarausfall, den Falten um die Lippen, den hängenden Titten, der harten Stimme, dem feisten Arsch, dem fast bewußtlosen Schlaf oder der schweren Müdigkeit, schlecht gelebt zu haben, die im Mannesalter die Glieder lähmt und die Bewegungen verlangsamt. Ein paar Jahre noch würde Serge (aber nicht Jonathan) sich selbst gleich bleiben, vollständig und vollendet wie die Sonne, ohne daß der Tod ihn im Griff hätte.
Daher spürte Jonathan in der Kindheit eine ruhige Kraft, eine Vollendung, die den späteren Lebensaltern völlig abging. Das Wort Kind jedoch veränderte die wohltuende Jugend von Serge wie durch ein Dekret in einen Alptraum – wie das unendliche Gesicht eines Jungen zum Alptraum wird, wenn man es in eine Zelle, im Familienkreis, in einer Jugendbande, in einer Schulklasse oder am Fließband sieht. Dieser vernichtende Urteilsspruch hatte auch Serge getroffen und seine Gefühle, seine Gedanken, den unendlichen Drang seines Körpers verdammt.
Vor diesem Jungen, den ein einfaches Wort auslöschte, zog sich Jonathan selbst zurück. Er verstand sich als Domestik und wollte nicht einmal Zeuge sein. Er wusch die Wäsche, er spülte, er kochte, er putzte das Klo, räumte auf, kaufte ein, ließ sich umarmen, stellte seine Nacktheit, seinen Schwanz, seinen Schlaf zur Verfügung, und sorgte sich im Hause für einen schüchternen Glanz um das luftige Reich des kleinen Jungen, als ob es kein Morgen gäbe. Es gab jedoch keine andere Zukunft als die Rückkehr von Barabara, der Beschützerin, Herrin und entschlossenen Liebhaberin eines Hundes namens Serge.

Nie habe ich das Dilemma, in dem pädophile Liebe innerhalb dieser Verhältnisse steckt, eindringlicher und treffender beschrieben gelesen als in diesen Absätzen aus dem Werk „Als Jonathan starb“ (1978) des französischen Schriftstellers Tony Duvert. Hier wird das Konstrukt der Kindheit demaskiert, bloßgestellt, schonungslos der Kritik preisgegeben. Diese Bloßstellung durchzieht den gesamten Roman. Ausgangspunkt: der 25jährige Jonathan, ein Künstler, von der Welt angeekelt, trifft auf die esoterische Lebenskünstlerin Barbara und ihren sechsjährigen Sohn Serge, in den er sich direkt verliebt. Die beiden verstehen sich prächtig, was Barbara nicht geheuer ist, so dass sie ihm ihren Sohn irgendwann wieder entzieht. Als Serge acht Jahre alt ist, meldet sie sich erneut bei Jonathan, der mittlerweile ein depressives Eremitendasein fristet, und bittet ihn plötzlich, ihren Sohn für eine Woche zu sich zu nehmen, da sie Freiraum für sich brauche. Duvert beschreibt nun das Zusammenleben der beiden episodenartig, beinahe in Berichtform, und zeichnet damit ein vernichtendes Bild von den herrschenden Dogmen, der Sexualmoral, dem Bild vom Kind, der Ideologie von der Familie, von all dem ganzen Unsinn, der in den Köpfen herumspukt. Radikal und wegweisend und aktueller denn je.

Tony Duvert ist im Juli 2008 verstorben. Er wurde 63 Jahre alt. Weiteres zu Duvert und seinem Werk gibt es u.a. hier (via).