„Project Isis“ in den Gulli

Das Nerd-Portal gulli.com hat in England eine neue Software namens „Project Isis“ entdeckt. Deren Ziel: „Pädophile im Internet identifizieren“. Denn das Internet – und das liest man nicht häufig auf „gulli“ –, das ist böse:

Ein Austausch von pädophilem Gedankengut mit Artgenossen, die Verbreitung von Bild- oder Filmmaterial wäre zuvor nie in solch einer Einfachheit erdenklich gewesen. Das Internet wurde somit zu einem Zufluchtsort, um den verbotenen Trieben in uneingeschränkter Anonymität nachgehen zu können.

Es geht also um „Bild- oder Filmmaterial“ (auch legaler Natur?), das für Pädophile interessant ist, und wer das tauscht und verbreitet, der ist böse, bzw. andersrum wird die Schwachsinnslogik aufgemacht: wer auf Kinder steht, ist grundsätzlich böse und verbreitet deshalb Kinderpornos. Es geht aber nicht nur um Pornografie, nein, es geht schon ganz grundsätzlich um den Austausch von „pädophilem Gedankengut“1 unter – Achtung! – „Artgenossen“. In der Verwendung dieses Begriffs aus dem Tierreich zeigt sich die Vorgehensweise dieser Hetzer: er wird bemüht, um Menschen zu entmenschlichen und zu bloßen triebgesteuerten Wesen zu machen, denen jede Moral und jede rationale Reflektion über sich und ihre Mitmenschen völlig fremd ist. Hat man das erfolgreich getan, ist es auch schon gar nicht mehr nötig, sich vernünftig mit Pädophilie oder auch nur mit dem angesprochenen „Bild- oder Filmmaterial“ auseinanderzusetzen.

Denn dieses ist vielfältig, und ein großer Teil des Bildertauschs spielt sich im legalen Bereich ab. Der illegale Bereich wird überwiegend von nicht-kommerziellen Tauschbörsen abgedeckt, wobei es sich um Material handelt, das teilweise schon viele Jahre im Internet kursiert und an dem schon lange niemand mehr Geld verdient, weshalb die Frage erlaubt sein muss, ob diese Pornografie überhaupt noch jemandem schadet (sofern sie es überhaupt mal getan hat – man kann sich schließlich auch freiwillig filmen oder fotografieren lassen), und ob es nicht sogar gut ist, wenn Menschen, denen es – bedingt durch verschiedene soziale, moralische oder juristische Faktoren – kaum möglich ist, ihre Sexualität auszuleben, die Möglichkeit haben, sie durch Pornografie zumindest ansatzweise zu befriedigen. Aber diese Fragen werden nicht gestellt, weder von der Öffentlichkeit noch von „gulli“. Stattdessen kümmert man sich um etwas völlig Unsinniges:

Oft versuchen Pädophile, sich als unschuldige Jugendliche ausgebend, Kontakte mit scheinbar Gleichaltrigen zu knüpfen. Nun hat es sich eine Gruppe von Wissenschaftlern zum Ziel gesetzt, dem Kollektiv von Straftätern bei diesem Vorgehen einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die Technologie soll die angewandte Sprache und die Schreibweise des verdächtigten Straftäters analysieren, um herauszufinden, ob sich ein Erwachsener als Kind maskiert hat.

Die Wahrheit ist: es ist unter Pädos geradezu verpönt, sein Alter zu fälschen. Wer so etwas macht, wird ausgelacht. Und das nicht nur, weil es so erbärmlich ist, sondern auch, weil die Erfolgschancen ungemein gering sind: man kann sich zwar im Netz jünger machen, aber wohl kaum in echt oder vor der Webcam – und Vertrauen entsteht durch ein solches Verhalten sicherlich nicht, im Gegenteil, man wird direkt verdächtigt, dem Kind etwas Böses zu wollen. Deshalb spielen Pädophile grundsätzlich mit offenen Karten, und viele fahren gar nicht schlecht damit – genau wie diejenigen „Jugendlichen“ (sic!), die sie dann evtl. kennenlernen2. Wen aber interessiert die Realität – die ist nicht so wichtig, wenn es darum geht, dem „Kollektiv (!) von Staftätern“, zu dem Pädophile hier plötzlich gemacht werden, „einen Strich durch die Rechnung“ zu machen, und das tatsächlich anhand der verwendeten Chat-Sprache3 und der online verwendeten Suchbegriffe – was auch jemanden in die Rasterfahndung und die totale Online-Überwachung führen könnte, der sich z.B. wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt oder einfach aus Interesse Recherche betreibt. Oder aber, und das fände ich dann wiederum witzig, auch wildgewordene „Kinderschützer“ wie Beate Schöning, die sich im Netz als willige Kinder ausgeben, um Pädophile anzulocken.

Interessanterweise treibt den Verfasser der „gulli“-Meldung auch lediglich die Sorge darum um, dass nicht „Unschuldige“ ins Visier der Ermittler geraten4 und durch „monatelange Überwachung“ ihre „bürgerlichen Freiheiten“ verlieren – jene „Freiheiten“, die ihnen vom bürgerlichen Staat auch nur deshalb zugestanden werden, damit sie ihm die Zustimmung zu seiner Herrschaft nicht verweigern, und die eben nur solange gelten wie der Staat in Person seines Personals es nicht für nötig hält, sie zu beschneiden. Tut er das, ist das Geschrei groß, und Bürgerrechtler und Datenschützer sehen die Demokratie in Gefahr, ungeachtet der Tatsache, dass eben jene Demokratie es ist, die dafür sorgt, dass sie überhaupt beherrscht werden und überwacht werden können. Und wer so denkt, wer also den Staat schon von vorneherein affirmiert und an ihm nur zu kritisieren hat, dass er nicht (mehr) demokratisch genug sei (was immer das auch heißen mag), der hat dann auch kein Problem damit, dass das „Kollektiv“ der Pädophilen, dieses unmenschliche Triebtäterpack, das den Nachwuchs fürs Staatsvolk verdirbt, von diesem Staat verfolgt wird.

Nachtrag: Ein sachlicherer Artikel zum Thema, der allerdings auch nicht ausreichend zwischen „Pädophilen“ und „Sexualstraftätern“ differenziert, befindet sich auf netzeitung.de.

  1. Was damit wohl gemeint ist? Austausch von Erfahrungen und Informationen mit Selbsthilfecharakter? Diskussionen über Konsensmoral und Schutzalter? Unterstützung bei psychischen Problemen? Oder können Pädos sowas nicht, weil sie ja gar keine richtigen Menschen sind? [zurück]
  2. Manchmal läuft es allerdings auch nicht so gut, aber das liegt dann kaum an den Betroffenen, sondern an denen um sie herum, die damit prinzipiell nicht klarkommen. [zurück]
  3. Ob das ganze technisch machbar ist und wie erfolgsversprechend das ist, darüber streiten sich die „gulli“-Freunde im Kommentar-Thread zu der Meldung. [zurück]
  4. „Vermutlich steckt wieder ganz was anderes dahinter als die Jagd auf Pädophile!“ schreibt ein User in seinem ansonsten durchaus vernünftigen Kommentar. [zurück]

1 Antwort auf “„Project Isis“ in den Gulli”


  1. 1 Lislottchen 30. Dezember 2008 um 17:12 Uhr

    Wissen sie, als Kind und (junge) Jugendliche ist es mir häufig passiert, dass sowohl Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene in mir eine Erwachsene vermuteten.
    Nicht im Sinne einer Pädophilen, schlicht aus dem Grund nicht, dass ich das Internet weniger aus Partnersuchgründen als aus anderen Gründen besucht habe und Gespräche deswegen nur selten eine irgendwie erotische oder romantische Natur annahmen.
    Aber, ich sei eine Erwachsene, die sich aus irgendeinem Grund, möglicherweise als Spaßvogel oder Troll, als Kind oder Jugendliche ausgibt, der Gedanke kam Vielen, schon mit 9-10.
    Dies führe ich generell darauf zurück, dass ich hochbegabt bin und viel lese.

    Dennoch, mag ich ungewöhnlich gewesen sein und sein, sicherlich bin ich nicht die Einzige.
    Wenn mir nun also der Gedanke kommt, mit 10 Jahren vielleicht von einem solcher „Kinderschützer“ aufgegriffen sein zu können, zumal Derjenige bei genauer Beobachtung meiner Wenigkeit gesehen hätte, dass ich manchmal kontroverse Standpunkte vertrat, mich für altersuntypische Themen interessierte und mich manchmal, wie das Jugendliche so machen, in Einzelfällen sogar als 18 oder 19 ausgab, da wird mir doch schlecht.
    Stellen sie sich mal vor, da wäre dann mein Vater belangt worden. Der nicht einmal weiß, wie man einen Computer benutzt und sich für super modern hält, weil er schon seit 2002 eine Waschmaschine benutzt und sich jetzt vor kurzem ein mobiles Telefon gekauft hat. Der beim Tippen auf der Tastatur jeden Buchstaben einzeln sucht und nicht weiß, dass ein Computer, wenn man auf den Ausschaltknopf drückt, aus ist. Der es im Übrigen mit der Grammatik nicht sehr genau nimmt.

    Abgesehen vom Widerspruch zu meiner Auffassung zur Demokratie (Stichwort Überwachungsstaat) und meiner Kritik an der Motivation erkläre ich die Vorgehensweise als schlichtweg SINNFREI: ich kenne Zehnjährige mit markellosem Deutsch, und Erwachsene mittleren Alters, die völlig ohne Grammatik oder Großschreibung schreiben, und halte nicht nur Überwachung und Kinder“schutz“, sondern auch Verallgemeinerung ganzer Altersgruppen für total falsch.

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