Hände unter die Decke! Über das sexuell verwahrloste Bürgertum und seine Kinder

Nicht aus der Mode kam dies: „Sexualität hat auch ganz viel mit Verantwortung zu tun, mit Respekt, mit Bindung, Mitmenschlichkeit, Reife und – mit Liebe.“ Es war eine der zivilisatorischen Leistungen des 20. Jahrhunderts, die menschliche Sexualität von all dem ideologischen Ballast an „Bindung“ (sprich: Ehe), „Liebe“ und „Verantwortung“ zu entrümpeln und die sogenannte Reife als große Lüge zu entlarven: Jeder Mensch ist von Geburt an reif für sexuelle Lust, unreif macht ihn allenfalls die herrschende – in unseren Breiten christliche – Moral.

Eike Stedefeldt verteilt im sehr lesenswerten Editorial der 58. Ausgabe von „Gigi – Zeitschrift für sexuelle Emanzipation“ Ohrfeigen an zwei Hüter der christlichen Sexualmoral in diesem Land, Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher, die ein Buch namens „Deutschlands sexuelle Tragödie“ (!) geschrieben haben, um damit Jagd auf sexuell aktive Kinder und Jugendliche zu machen. Das Ganze wird weiter ausgeführt im (online nicht verfügbaren) Artikel „Licht aus, Hände auf die Decke!“von Sebastian Anders, der schreibt:

Für Siggelkow und Büscher besteht Sexualität unter dem christlich-sexualpessimistischen Primat aus restriktiver Partnerschaft und nicht aus freier, selbstbestimmter Lust.

Das ist der gleiche Grund, aus dem die „Gesetze zum Schutz der sexuellen Selbstbestimmung“ diese eben nicht schützen, sondern beschneiden. Weiter heißt es:


In logischer Konsequenz dessen werfen sie Kindern und Jugendlichen eine fehlende Fähigkeit zur Partnerbindung vor. (…) Zurück bleiben stigmatisierte Kinder und Jugendliche, weil ihre eigene Erfahrungswelt unberücksichtigt bleibt und von zwei christlichen Autoren zum Skandal erhoben wird.

Sicher hat Anders in diesem Punkt grundsätzlich Recht: Sexualität bedarf keines Konzepts von Beziehung und Partnerschaft, um irgendwie „gut“ zu sein, sondern dafür bedarf es lediglich der gemeinsamen Lust am Körper des jeweils anderen. Dennoch möchte ich kritisch anmerken, dass er damit Gefahr läuft, die Dogmen der „christlich-sexualpessimistischen“ Gesellschaft einfach umzukehren und eine Kinder- und Jugendsexualität zu konstruieren, in der Konzepte von Partnerschaft und Bindung überhaupt nicht vorkommen, obwohl diese – und das belegt Anders in seinem Artikel anhand der fortlaufenden Studie „Jugendsexualität“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) selbst – zumindest von Jugendlichen durchaus gelebt werden. Ist ja auch kein Wunder, denn Menschen sind vielfältig, und schließlich sind das auch nur in der Entwicklung befindliche bürgerliche Individuen, die die Normen und Werte der Gesellschaft, in der sie leben, mehr oder weniger stark übernehmen. Die Abweichung von diesen Normen und Werten allerdings wird auch gelebt, und da trifft dann die Kritik, sofern sie keinen normierenden Anspruch hat, genau zu: wenn (vor allem) Kinder und (auch) Jugendliche ihre Sexualität dergestalt ausleben, dass sie dafür keine Bindung, keine Partnerschaft, keine Treue benötigen, dann muss das als ebenso wertvolle Form der Lusterfahrung gelten wie jede andere auch – und nicht als „sexuelle Verwahrlosung“, wie Siggelkow und Büscher und zahllose andere bürgerliche Ideologen das – in der Tradition des Nationalsozialismus stehend – nennen.

Um abschließend noch zum eigentlichen Thema dieses Blogs zu kommen: für Pädophile hieße die Berücksichtigung solcher kindlicher Formen von (sexueller) Beziehung, ihre erwachsenen Konzepte von Partnerschaft und Bindung eben nicht auf ihre Kontakte zu Kindern zu übertragen und nichts von dem einzufordern, was ihnen in ihrer Entwicklung als „moralisch gute Sexualität“, also als eine Form von Sexualität, die auf „Liebe und Partnerschaft“ beruht, eingebläut wurde, sondern sich ganz auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse des Kindes einzulassen. Das ist – gesetzt den Fall, das Kind hat (noch) keinen bürgerlichen Anspruch an Liebe, Partnerschaft, Bindung etc. – keine leichte Aufgabe: da muss das eigene Verliebtheitsgefühl, das – so hat man es gelernt – zu ausschließlicher Bindung und partnerschaftlicher Sexualität führen soll, in ein gesundes Verhältnis entweder zur ungestümen, ziellosen Verliebtheit oder gar nur zu freundschaftlichen Gefühlen des Kindes, verbunden mit lediglich einer sexuellen Neugier, gebracht werden. Für viele ist das zunächst eine schmerzhafte Erfahrung, und es ist eine, bei der Pädophile sich nur selbst helfen können, da sie aufgrund der Stigmatisierung von Pädophilie als grundsätzlich schädlich von öffentlicher Seite keine Beratung oder Information zu dieser Thematik bekommen, sondern nur „Hilfe“ dabei, sich von Kindern fernzuhalten und Askese zu leben. Dabei ist dies, dieses Ablegen bürgerlicher Modelle von Liebe und Partnerschaft, eine wirklich existenzielle Herausforderung, der sich ein pädophil empfindender Mensch stellen muss, wenn er seine Empfindungen versucht auszuleben: im Eingehen auf den anderen neue Sexualitäts- und Beziehungsformen erproben, fern von „Bindung“ im Sinne von Abhängigkeit, Ausschließlichkeit und Eigentum. Was, wie ich finde, auch für heterosexuell liebende Menschen durchaus eine Überlegung wert wäre.