„Kein Täter werden“: Janina Neutze, die armen Irren & das asexuelle Kind

Janina Neutze von „Kein Täter werden“ hat mal wieder ein Interview gegeben, diesmal an ganz hoher Stelle, in der Zeitung „Das Parlament“ vom Deutschen Bundestag. Zu Neutzes Ansichten steht hier schon einiges. Trotzdem noch ein paar Anmerkungen zu dem neuen Interview:

Grundsätzlich gehen Fragestellerin und Antwortende die ganze Zeit davon aus, dass Sexualität für Kinder grundsätzlich schädlich ist, wie sich z.B. ganz deutlich zeigt, wenn Neutze, angesprochen auf die Frage der pädophilen Auslebung von Sexualität, sagt:

Er kann sich selbst befriedigen. Und er hat seine Fantasien. Das ist die einzige Form, wie er Sex leben kann. Denn: Fantasien schaden niemanden.

Der mögliche Einwand, dass meine Schlussfolgerung falsch sei, da Sexualität ohne Mitwirkung von Erwachsenen für Kinder ja unschädlich ist, ist schnell aus der Welt zu schaffen, wenn man sich mal vor Augen hält, dass die bloße Mitwirkung eines Erwachsenen an einem sexuellen Akt mit einem Kind überhaupt nichts über die Qualität dieser Erfahrung aussagt, sprich: darüber, wie der Kontakt konkret aussieht und erlebt wird. Der Schaden muss also in Neutzes Denkweise bereits durch die sexuelle Handlung an sich entstehen, wodurch deutlich wird, dass Neutze und Co. in Wahrheit doch von einem asexuellen Kind ausgehen, dem zu Beginn des 15. Lebensjahres ganz plötzlich die Fähigkeit zur Sexualität verliehen wird. Diese Ansicht ist erwiesenermaßen absurd und wird interessanterweise auf Nachfrage dann häufig doch nicht vertreten, sondern es wird, wie z.B. hier, die Behauptung aufgestellt, dass ein Kind ja gar nicht wissen könne, „auf was es sich genau einlässt, da es die erwachsene Sexualität einfach noch nicht begreifen kann“. Wieso aber ein „Begreifen“ von „erwachsener Sexualität“ überhaupt nötig ist, um lustvolle Erfahrungen mit Älteren zu machen, das kann dann wiederum niemand stichhaltig erklären1.

Nun spricht Neutze über Faktoren, die „begünstigen, dass ein Mann übergriffig wird“:

Klare Risikofaktoren sind ein hohes Maß an erlebter Einsamkeit, eine geringe Fähigkeit, sich empathisch in Opfer hineinzufühlen oder problematische Einstellungen, wie etwa die Ansicht, Kinder bräuchten Sex.

Wenn wir hier von echten Übergriffen, also Handlungen gegen den Wunsch des Kindes sprechen: d‘accord. Aber das tun wir nicht. Wir sprechen von sexuellen Handlungen, die von allen Beteiligten erwünscht sind bzw. Neutze und Co. sprechen eben nicht davon, weil so etwas in ihren beschränkten Gedanken nicht vorkommen darf. Deshalb referiert sie auch die merkwürdige Ansicht, Kinder „bräuchten“ Sex (mit Erwachsenen – das muss hier wohl mitgedacht werden). Von durchgeknallten Einzelfällen, um die man wohl nirgendwo herumkommt, mal abgesehen, kommt diese Ansicht in der Pädophilenszene überhaupt nicht vor, sondern es wird – wenn überhaupt – lediglich die Möglichkeit verteidigt, dass Kinder Sex mit Älteren wollen. Ich tue hier ja auch nichts anderes.

Viel mehr möchte ich zu dem Interview gar nicht schreiben. Neutze verschweigt die (teilweise von ihr selbst reproduzierten) Gründe für „psychische Folgeprobleme“ bei Pädos (nämlich u.a.: gesellschaftliche Ächtung und Verfolgung sowie das Dogma von der Unmöglichkeit eines sexuell erfüllten und unschädlichen Lebens) und wirft dann noch die sexuelle Orientierung Pädophilie mit den chronischen Krankheiten Diabetes und Alkoholismus (!) in einen Topf, was dann das Ganze endgültig demaskiert als das, was es ist: die radikale Pathologisierung von pädophil empfindenden Menschen vor dem Hintergrund der Sicherung der eigenen Existenz als staatlich geprüfte „Kinderschützerin“ und Irrenverwalterin.

  1. Übrigens: wenn „Begreifen“ von menschlicher Sexualität so einfach wäre, dass man es spätestens mit 18 Jahren einfach drauf hat, wieso gibt es dann eigentlich Sexualwissenschaftler? Das kann es doch nicht sein. Ich denke, dass in diesem Punkt ein ideologisches Bild von „Erwachsenensexualität“, das auf Konstrukten wie Liebe, Partnerschaft, Bindung etc. beruht, eine ganz große Rolle spielt: diese Form der Sexualität gilt schlicht als moralisch höherwertig und deshalb (!) für Kinder nicht geeignet. Dass Erwachsene diese Trennung durchbrechen können (oder auch: dass sie das Konstrukt ablehnen!), indem sie ihre Vorstellungen mit denen des Kindes versuchen in Einklang zu bringen, es also gar nicht mehr nötig ist zu wissen, auf was sich da „eingelassen“ wird, erscheint dabei undenkbar.[zurück]

5 Antworten auf “„Kein Täter werden“: Janina Neutze, die armen Irren & das asexuelle Kind”


  1. 1 bigmouth 13. November 2008 um 23:34 Uhr

    Der mögliche Einwand, dass meine Schlussfolgerung falsch sei, da Sexualität ohne Mitwirkung von Erwachsenen für Kinder ja unschädlich ist, ist schnell aus der Welt zu schaffen, wenn man sich mal vor Augen hält, dass die bloße Mitwirkung eines Erwachsenen an einem sexuellen Akt mit einem Kind überhaupt nichts über die Qualität dieser Erfahrung aussagt, sprich: darüber, wie der Kontakt konkret aussieht und erlebt wird.

    schön logisch argumentiert, aber wer sagt, dass die leute deine prämisse teilen? werden sie nicht. die gehen davon aus, dass sexualität zwischen einem informierten erwachsenen, der weiß, was er tut, und einem kind eben notwendig eine zu große asymmetrie aufweist. insofern ist deien argumentation falsch

  2. 2 Admin 14. November 2008 um 1:19 Uhr

    Na ja, das ist halt extra provokant geschrieben. Ich will ja darauf hinweisen, worauf deren Argumentation notwendig hinausläuft, wenn sie nicht von so merkwürdigen Konstrukten wie dem „Informed Consent“ gerettet wird. Dass sie den dann ins Feld führen, weiß ich, und darauf gehe ich ja dann auch ein (inkl. Link und Fußnote).

  3. 3 SnoopyBoy 04. Dezember 2008 um 0:44 Uhr

    Wie wäre es, wenn wir mal das „uninformiert sein“ des Kindes kritisieren? Warum ist es eigentlich „uninformiert“? Soll es so bleiben? Es scheint so, als sei es nicht nur so, dass Kinder „uninformiert sind“, sondern eher auch uninformiert „bleiben sollen“, ja sonst wären sich ja nicht mehr unschuldig, klein und unschuldig, ja quasi dann wären die Kinder ja keine Kinder mehr und es geht ja um die Kinder, wenn wir über Kinder reden, so die Logik des Kinderschutzes!

    Ich sage: Kinder sind nicht „uninformiert“, sie werden „uninformiert“ gehalten, indem der Bereich Sexualität ihnen vorenthalten wird! Indem Kinder von Sex und Sexualität nichts erfahren dürfen, bleiben Kinder Erwachsenen unterlegen und damit sollen Machtbeziehungen aufrecht erhalten werden. Das Kind darf nicht genauso informiert sein, wie der Erwachsene, sonst ist es eben kein Kind mehr und es ist Common Sense, Kindheit zu bewahren und nicht „verschwinden“ zu lassen, wie Postman prophezeit!

    Wenn Kinder „uninformiert“ sind, ist es im Zuge des Ideals der Bildung, aber, denke ich, notwendig, Kinder über Sexualität, Lust und Sex aufklären, rein logisch, oder sollen unsere Kinder etwa „dumm bleiben“, nur weil sie Kinder „bleiben“ sollen. Sollen Kinder nicht eher erzogen, gebildet und aufgeklärt und damit sozialisiert werden?

    Wären Kinder aufgeklärt, bräuchten wir Kinder nicht ständig beschützen, was in Zeiten, in denen 10jährige Jungs sich Pornos reinziehen, eh schwierig ist! Die Kinder wären dann endlich „informiert“ und könnten dann auch endlich selbstbestimmt „ja“ oder „nein“ sagen, indem sie zwischen Sexualangenbote reifer differenzieren können!

    Jetzt mag man sagen: „Du willst ja nur mit Kindern bumsen!“ Das ist zu kurz gedacht!Das bedeutet auch einen Nachteil für Pädophile: Pädophile hätten dann quasi gar einen Nachteil: Die Kinder wären reifer, aufgeklärter und es wäre schwieriger, Kinder quasi zu manipulieren! …und immer wieder betonen Sexualpädagogen: Aufgeklärte Kinder sind reifer, selbstbewusster und können sich wehren! ABER: Aufgeklärte Kinder können genauso gut, wie sie Sex ablehnen können, auch Sex zustimmen, je nachdem, was sie eben SELBST wollen!

    Sexualaufklärung im Sinne von „DU WILLST NICHT“ weil „KINDER WOLLEN NICHT“ ist dagegen keine Aufklärung, keine Pädagogik zur Bestimmung von Selbstbewusstsein, eher das Gegenteil: Es ist die Vermitllung von Prüderie, von außen aufgesetzt, autoritär und überhaupt nicht selbstbestimmt!

    Wo fangen wir denn an? Was muss man denn als sexuell sehr gut informierter, sexuell kompetenter 12jähriger Junge so wissen? Gibt es eine Sexualallgemeinbildung? Gibt es eine Sexualspezialbildung für den Sex mit Erwachsenen? Nein, weil Sex keine kognitive Leistung ist, wie das Berechen eines Dreisatzes! Es gibt aber Gefühle, Stimmungen, über die man reden kann und es gibt Lust! Gefühle, wie Lust und Geilheit, wie Liebe oder Zuneigung als jeweils eigenständige Emotion als körperliche bzw. emotionale Reaktion erkennen zu können, diese Emotionen differenzieren zu können und bewerten zu können, um dann kompetent handeln zu können, sei es den Sex abzulehnen oder ihm zuzustimmen oder gar sich zu entscheiden, noch abzuwarten, ist genauso wichtig, wie Wut und Frust erkennen zu können, uns sich in Konfliktsituationen zurückhalten zu können, was Schüler heutzutage wirklich eher gut können, als früher, weil Mediationsprogramme oder Streitschlichtungsprogramme da viel getan haben! Kinder sind hochkompetent, was ihre Wut- und Frustgefühle abgeht, aber von Lust, Geilheit, Liebe und Zuneigung wissen sie fast nicht und sind weitrhin angewiesen auf den Schutz der Erwachsenen! So werden Kinder „klein“ gehalten, das Kinderschema von der Unschuld aufrecht erhalten und so Pädophile, die Kinder als eigenständige Sexualwesen betrachten, verfolgt!

    Das Buch „Zeig mal!“ galt früher als „pädagogisch wertvoll“, heute als „Kinderpornografie“. Ein Zeichen davon!

    Tja, der Zeitgeist eben! Wir sind wohl prüder geworden, was Sexualaufklärung angeht und klären unsere Kinder nicht auf! ..und gucken dann komisch, wenn Kinder und v.a. Jugendliche nix über Sex wissen und nur Obzönitäten ‚rausbringen! Es scheint, als sei es garnicht gewollt, dass Kinder etwas über Sex erfahren, weil es wohl „nicht angemessen“ ist, obwohl Freud den Drang nach Sexueller Lust bei Kindern bereits im Alter von 4 Jahren feststellte und Eltern regelmäßig 11jährige Jungs bei Wichsen erwischen! Kinder haben kein sexuelles Interesse, seien „zu jung“? Eine Mystik, keine Realität!

    Also, hin zur Sexualaufklärung, zur Sexualerziehung von Anfang an! Es gibt keine vernünftige Studie dagegen, abgesehen von theologischen oder literarischen Kinheitsmythen von der Unschuld, ! Warum nicht Doktorspiele im Kindergarten fördern? Warum keine Sexualpädagogik an der Schule? Im Lehrplan des Ethikunterrichts der Länder ist die Sexualerziehung Thema, aber wird das Thema angerissen! Nö! Ganz im Gegenteil: Wenn überhaupt, dann wird den Kindern eher Angst vor Sexualität getrichtet, statt sie sexuell kompetenter zu machen! Es wird vor dem „bösen Männern“ gewarnt, Sexualität als Gefahr gekennzeichnet und so Sexualität kriminalisiert! So entsteht aus Lust eher Frust! ..und dann wundert sich die Welt mal wieder über Jugendgewalt, Sexuelle Verwahrlosung und fehlende Liebe! Na sowas…

    Mehr zum Thema:

    http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/sexuelle_spiele_von_kindern.html

    http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Kindertagesbetreuung/s_304.html

  4. 4 Thommen 04. Dezember 2008 um 21:35 Uhr

    Es muss klarer werden, dass es für Kinder keine Sexualkonzepte von Seiten der Erwachsenen gibt und dass diese gar nicht an solchen Konzepten interessiert sind.

    Es muss nachgeforscht werden, warum Eltern an „pubertärer Amnesie“ (Bornemann) leiden und warum sie die möglichen Sexualbedürfnisse ihrer Kinder so krankhaft ausblenden. Eine Kinderpsychologie ohne Kindersexualität ist ein Unding.

    Früher gab es noch die „homosexuelle Phase“ bei den Knaben, denen wenigstens diese Betätigung stillschweigend zugestanden wurde. Aber seit die Knaben unter den Sammelbegriff „Kinder“ fallen, wird ihre Sexualität wie diejenige der Mädchen behandelt und gewertet.

    Gerade Schwule wissen ganz genau, was da in den Familien abläuft, denn ihre „schwule Phase“ ist eine Orientierung und eine Lebenseinstellung. Nur leider sagt es ihnen KeineR – nicht mal in ihrer eigenen Familie!

    Kinder werden in der Sexualität heute so „behandelt und erzogen“ wie die Frauen vor 100 Jahren! Leider sind es vor allem Frauen, die ihre eigene Geschichte wiederholen…

  5. 5 michael 12. August 2009 um 11:51 Uhr

    Ich habe erfahren(als Kind/Jugendlicher mit 12Jahren)wieviel sexuelle Energie acht jährige Mädchen entwickeln tuen. Wie diese Spielereien an mir noch Heute nachhallen und Sensüchte erwecken.Diese Sexspielchen gingen fliessend ins erwachsenen Alter über und haben nichts mit neuer Sexualität zu tun.
    Es ist insofern anders als das diese Sexspielchen mit Erfahrungen sammeln zu tun hatten und die erwachsenen Sexspielchen darauf basieren.
    Es ist Erwachsenenignorans das Sexspielchen im Kinderzimmer stattfinden. Kleine Mädchen sehen Altersunterschiede bei den Eltern, und so passiert es das sie nach Spielen mit dem Bruder meinen:Spiele mit ältern Männchen seinen auch Folgenlos. Durch die Ignoranz der Erwachsenen das Sexspiele im Kinderzimmer stattfinden sehen sich Kinder erwachsener und gehen mit ihren Sexfantasien nach drausen und suchen dort neue Spiele.
    So lange die Erwachsenenwelt glaubt das ihre Kinder nur kuscheln wollen und keinen Sex wollen solange besteht immer ein werbales Mißverständnis.

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