Archiv für Januar 2009

Verdacht

Eine Teilnehmerin trug einen Fall aus der Praxis vor, dass immer mehr Pädagogen Angst hätten, diesen Beruf zu ergreifen. Engagierte Pädagogen würden schnell in den Verdacht der Pädophilie geraten.

Mehr zur Tagung „Tabuisierte Sexualität“ der Gesellschaft für Sexualwissenschaft Leipzig bei K13.

Knirsch, knarz, knack. Anmerkungen zu Lisseks „Hölle im Kopf“

Wie geht so etwas: da sagt ein Mensch eine Antwort auf eine Frage, mit der er sich lange beschäftigt hat, und in der es um etwas geht, was ihm sehr wichtig ist: einen Menschen nämlich, mit dem ihm eine intime Freundschaft verband; er fragt sich, wieso die Freundschaft so intim geworden, wieso es zum Sex gekommen ist, was die Motive des anderen Menschen waren. Und ihm wird nicht geglaubt, denn das, was er sagt, passt nicht ins Bild: er sagt, dass der Junge Sex mit ihm initiiert hat, weil er – ein Opfer von Vergewaltigung durch ältere Jungen – einmal selber Täter sein wollte. Eine plausible Begründung, aber da etwas darin vorkommt, das nicht sein darf – der Junge als Initiator einer sexuellen Begegnung –, wird weder dem Jungen noch dem Mann geglaubt: eine andere Stimme wird entgegengestellt, die Stimme der Mehrheit, und die sagt: es war schon wieder Vergewaltigung. Es wird sich empört.

Oder wie geht das hier: der gleiche Mann erzählt, dass da ein Junge war, der weder von seinem Vater noch von sonst irgendwem geliebt wurde, nur von diesem Mann. Dieser Junge wollte bei dem Mann bleiben, denn dort bekam er Liebe und Beachtung. Der Mann verzweifelt ob der Hilflosigkeit dieses Jungen. Die Reaktion der anderen Stimme: „sentimental“ sei das, „die pure Sentimentalität“, „keine echten Gefühle“, weder vom Jungen noch vom Mann. Warum? Weil der Junge ein Kind ist, also unmündig, und der Mann pädophil, also krank?

Pädophilie sei eine „Präferenzstörung“, lernen wir aus Michael Lisseks Radiofeature „Hölle im Kopf“, dessen Titel programmatisch ist: wer pädophil empfindet, sich also in Kinder verliebt und sich von diesen erotisch angezogen fühlt, hat nur zwei Möglichkeiten: entweder ein „Arschloch“ werden, also jemand, der sexuellen Kindesmissbrauch begeht, oder eine arme Sau, jemand, der mit sich hadert, an sich leidet, der jeden Tag erneut damit kämpfen muss, mit seinem „Trieb“ verantwortungsvoll umzugehen1 – jemand, der halt die „Hölle im Kopf“ hat. Dabei ist diese Hölle ja gar nicht dort: sie ist da draußen. Sie ist ein Resultat all jener verstockter Wahnsinniger, die allen Ernstes der Meinung sind, dass Sex grundsätzlich schädlich ist, solange nur einer der beiden Beteiligten über 14 ist und nicht beide. Vertritt man eine gegenteilige Meinung, hat man nicht etwa eine gegenteilige Meinung, sondern bereits ein Symptom der Störung: die Verleugnung dieses gesellschaftlichen Konsens’ nämlich; auch das lernen wir von Lissek. Und wenn es ganz schlimm kommt, fangen diese Pädophilen dann auch noch an, ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen und gegen den Konsens anzuschreiben, und das ist dann „Pädosexualismus“. Und ja, darüber kann man tatsächlich krank werden.

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Entmenschlichung.

Die Frage die ich mir in dieser Sache stelle ist immer wieder die gleiche: was wäre wenn alle wüssten dass ich Boylover bin? Es sind nicht nur bloße Vermutungen wenn ich behaupte, ich würde wohl von Freunden gemieden, von Nachbarn gehasst, vom Chef entlassen, von der Polizei unter Beobachtung und von allen komplett mißverstanden und als Monster angesehen werden. Ich würde fast alles verlieren was ich mir erarbeitet, erkämpft und lieb gewonnen habe, mitunter mein Recht Mensch zu sein. Daraus folgt dann meine Frage: wie können DIESE Menschen das mit ihrem Gewissen vereinbaren? Ich behaupte: aufgrund meiner „Entmenschlichung“ problemlos.

(Äußerung eines Users des JuFos anlässlich neuer EU-Vorschläge zur weiteren Kriminalisierung pädophiler Menschen).

Ganz warm, kurz

Ich hasse diese kurzen Momente.

Das letzte Mal gesehen habe ich den Jungen vor drei Monaten, an einem der letzten Spätsommernachmittage, und wir spielten gemeinsam Fußball. Diese Begegnung war mir beinahe wie ein Wunder erschienen, hatte ich doch nicht mehr damit gerechnet, dass der Junge, dem seine Mutter eingeschärft hatte, nicht mit mir zu reden, das noch einmal tun würde. Ich weiß nicht, ob ich das extra dazu sagen muss, aber: es gab da keinen handfesten Grund für außer eben den, dass ich ihr Vertrauen nicht habe und sie leider auch kein Interesse daran hat, das Risiko, mir ihr Vertrauen zu geben, einzugehen. Ihn hat das an diesem Tag nicht davon abgehalten mich zum Spielen aufzufordern, und da ich verabredet war, meine Verabredung sich aber verspätete, sagte er zwischendurch sogar: „Gut, dass der nicht kommt, dann können wir noch länger zusammen spielen!“ Klar, dass mir das Herz aufging bei diesen Worten, denn ich empfinde viel für ihn. So viel, dass ich auch nach drei Monaten immer noch ständig an ihn denke. Ich weiß nicht, warum so viele Menschen das absurd finden, dass man in ein Kind verliebt sein kann, es ist einfach so.

In diesen drei Monaten gab es kein Lebenszeichen von ihm oder auch nur seiner Familie. Früher habe ich sie öfter mal zufällig gesehen, aber selbst an den wenigen schönen Tagen sah ich niemanden von ihnen draußen oder mal zufällig beim Einkaufen. Bis vor vier Tagen, da sah ich die Mutter, sie aber mich nicht, sie war im Stress, und ich traute mich auch nicht, sie anzusprechen – was sollte ich auch sagen? Einen Tag später sah ich sie erneut, von weitem, und ich fragte mich schwachsinnigerweise, ob das jetzt so eine Art Omen sei und ich ihn auch mal wiedersehen würde. Sonniges Wetter, Schnee – andere Jungen waren schließlich auch draußen. Ich sollte Recht behalten.

Ein Spaziergang im Park, eine Stelle zum Schlittenfahren, zwei Familien sind dort, ich kenne sie nicht, will sie nicht kennenlernen, gehe vorbei. Plötzlich schnelle Schritte hinter mir, ich drehe mich um: da strahlt er mich an, mir wird kurz schwindelig, dann fange ich mich wieder und lächele zurück. Er fragt, ob ich ihn noch kenne. Ja, klar. Wie es ihm gehe, frage ich: gut. Er fährt hier Schlitten. Ich begleite ihn zurück zu der Schlittenfahrstelle, frage ihn, ob er alleine da ist (auf der Goldwaage hinterher kommt das gar nicht gut), ja, ist er, und warum man ihn nur noch so selten draußen sieht, er zuckt mit den Schultern, und ich habe den Verdacht, dass er nicht mehr so oft in die Nähe meiner Wohnung kommen soll, vielleicht hat seine Mutter mitbekommen, dass er mit mir gespielt hat und das Verbot verschärft; aber warum mache ich mir solche schmerzhaften Gedanken, vielleicht war es auch nur das Wetter oder Zufall, ich habe hier den schönsten Jungen der Welt vor mir und so frage ich ihn, als er erzählt, dass er in den Ferien weg war, wie es dort gewesen sei, er sagt kurz was dazu, aber er hat jetzt wieder mehr Lust aufs Schlittenfahren, macht sich startklar, sagt tschüss, vielleicht ist ihm auch wieder eingefallen, dass er nicht mit mir reden soll – wieder dieser schmerzhafte Gedanke –, und ich sage auch tschüss, und dann rauscht er davon. Ich schaue ihm noch nach, neben mir zwei Mütter, die mich neugierig taxieren, dann drehe ich mich um und gehe, und mir wird ganz warm, kurz.

Ich hasse sie trotzdem, diese Momente.

Tanz auf dem Abgrund. Kleine Dichterei über ein Leben in Ketten

Neulich habe ich geträumt. Ich träume oft, meistens ist es wirres Zeug, z.B. ging es einmal darum, dass ich auf einer Autobahn mit der Familie der großen unglücklichen Liebe meiner Jugend (ein Nachbarjunge, Achtung, Klischee) viel zu schnell fuhr bzw. nicht ich fuhr, sondern ich saß hinten drin und hatte Angst, denn es wurde immer schneller, und irgendwann stürzten wir ab. Dann war ich plötzlich auf einem Rasthof und suchte die Toilette, fand aber nur groteske Gebilde, in die man unmöglich hinein urinieren konnte, und am Ende war ich weiblich und in einem dornenumrankten Park voller bösartiger Esoteriker, deren Welt ich retten sollte. Von ihrem Singsang hatte ich noch eine Stunde nach dem Aufwachen einen Ohrwurm.

Aber ich träume auch von Jungen. Jungen, mit denen ich gerne mehr Zeit verbracht hätte, die ich geliebt habe, die ich immer noch liebe. Es passiert, dass ich unvermittelt an einen von ihnen denke und mich dann stundenlang gräme darüber, was ich nur falsch gemacht habe, dass ich jetzt einsam bin. Mir kam mal der Gedanke, dass ich wohl nicht egoistisch, nicht zielstrebig genug gewesen bin, mir zu wenig vertraut habe, und nicht nur mir, sondern auch der Güte der Freundschaft, die ich anstrebte. Ein Freund hat mir ähnliches schon vor Monaten gesagt, aber ich hatte es nicht umsetzen können. Vielleicht hätte ich – mit dem Vertrauen, mit dem Mut – die Widerstände überwinden können, die sich mir entgegen gestellt hatten. Vielleicht wären sie aber auch fester geworden und hätten sich brutal gegen mich gerichtet – ich weiß es nicht.

Nun ist eben die Einsamkeit da, und ich frage mich immer, wieso sie bei anderen, bei einigen meiner Freunde etwa, nicht so fest ist, oder ob die das nicht brauchen, das, was im Allgemeinen „Liebe“ genannt wird? Und wieso ich darüber eigentlich so traurig werde, da ich doch andere Dinge habe, die schön sind, Kultur, freundschaftliche soziale Kontakte mit Erwachsenen, meine Kreativität und nicht zuletzt die notwendigen Arbeitsaufgaben, die meine Zeit ausreichend in Anspruch nehmen sollten.

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