Tanz auf dem Abgrund. Kleine Dichterei über ein Leben in Ketten

Neulich habe ich geträumt. Ich träume oft, meistens ist es wirres Zeug, z.B. ging es einmal darum, dass ich auf einer Autobahn mit der Familie der großen unglücklichen Liebe meiner Jugend (ein Nachbarjunge, Achtung, Klischee) viel zu schnell fuhr bzw. nicht ich fuhr, sondern ich saß hinten drin und hatte Angst, denn es wurde immer schneller, und irgendwann stürzten wir ab. Dann war ich plötzlich auf einem Rasthof und suchte die Toilette, fand aber nur groteske Gebilde, in die man unmöglich hinein urinieren konnte, und am Ende war ich weiblich und in einem dornenumrankten Park voller bösartiger Esoteriker, deren Welt ich retten sollte. Von ihrem Singsang hatte ich noch eine Stunde nach dem Aufwachen einen Ohrwurm.

Aber ich träume auch von Jungen. Jungen, mit denen ich gerne mehr Zeit verbracht hätte, die ich geliebt habe, die ich immer noch liebe. Es passiert, dass ich unvermittelt an einen von ihnen denke und mich dann stundenlang gräme darüber, was ich nur falsch gemacht habe, dass ich jetzt einsam bin. Mir kam mal der Gedanke, dass ich wohl nicht egoistisch, nicht zielstrebig genug gewesen bin, mir zu wenig vertraut habe, und nicht nur mir, sondern auch der Güte der Freundschaft, die ich anstrebte. Ein Freund hat mir ähnliches schon vor Monaten gesagt, aber ich hatte es nicht umsetzen können. Vielleicht hätte ich – mit dem Vertrauen, mit dem Mut – die Widerstände überwinden können, die sich mir entgegen gestellt hatten. Vielleicht wären sie aber auch fester geworden und hätten sich brutal gegen mich gerichtet – ich weiß es nicht.

Nun ist eben die Einsamkeit da, und ich frage mich immer, wieso sie bei anderen, bei einigen meiner Freunde etwa, nicht so fest ist, oder ob die das nicht brauchen, das, was im Allgemeinen „Liebe“ genannt wird? Und wieso ich darüber eigentlich so traurig werde, da ich doch andere Dinge habe, die schön sind, Kultur, freundschaftliche soziale Kontakte mit Erwachsenen, meine Kreativität und nicht zuletzt die notwendigen Arbeitsaufgaben, die meine Zeit ausreichend in Anspruch nehmen sollten.


hin zum penny und zurück das leben tragen in kleinen roten taschen / im hinterhof tanzen sommersprossen auf glücklichen kindernasen umher / und uns fehlt der schlüssel für die hintertür um einfach mitzumachen / mitzukreischen mitzurennen immer im kreis und alles was uns gut genug erscheint um unsere kleinen taschen damit vollzustopfen aufzuheben / nimm alles mit und back es an die wände dass es nur so stinkt und kracht / mann das ist das leben

(captain planet, 3 meter noch zum glück)

Das ist es: dass da gar kein Leben ist ohne Kinder, ohne Kindlichkeit, ohne jene Form von Lebendigkeit, die sich einen Dreck schert um ihre Konsequenzen oder darum, ob das, was man tut, irgendwelchen Normen entspricht; die nur darauf aus ist, lebendig zu sein und Freude zu empfinden. Und so ist es: ein Leben ohne das, ein Leben in Konventionen, ein Leben in Ketten, das ist die Hölle.

Aber fehlt uns nur der Schlüssel, oder ist die Hintertür gleich komplett zugemauert? Darf ich überhaupt alles mitnehmen? Es an die Wände pappen? Nein: das ist unnormal. Nein: das ist nicht altersgemäß. Nein: das ist Sachbeschädigung.

Zum Glück habe ich Gefährten, mit denen es trotzdem manchmal möglich ist, die Ketten zu sprengen, die uns jeden Tag fesseln, in Lohnarbeit, Studium, Ausbildung, Schule, Normalität. Nun, wirklich gesprengt werden sie nicht. Aber die Illusion ist da, auch wenn es zunehmend schwerer wird, sie aufrecht zu erhalten. Auch das ein Grund für die Sehnsucht: die Ketten endgültig sprengen zu wollen, zu diesem Zweck denen begegnen, die noch nicht vollständig in ihnen liegen. Ketten übrigens, bei denen niemand daran denkt, dass es auch ohne ginge, dass man den Kapitalismus, das System, aus dem unsere Ketten stammen, auch abschaffen könnte; stattdessen denken wir daran, wie wir wir uns in ihnen, in diesem System, möglichst bequem bewegen können. Wenn wir dann noch darüber hinaus denken, haben wir Recht, denn: sehr viel anderes bleibt uns nicht übrig. Blöd belächelt, sanktioniert werden. Es muss egal sein. Es ist es nicht.

wart auf mich an der steilwand / wir gehen da nachts spazieren / dort genau wo die kante ist / und nichts wird uns passieren

(kommando sonne-nmilch, steilwand)

Wir haben die Kinder weggeschlossen, in den Hinterhof, wo sie beschützt ihre Spiele spielen dürfen, unterbrochen von den Disziplinierungsmaßnahmen, die sie – wie uns – in Ketten legen. Wir dürfen nicht ausbrechen. Sie dürfen nicht zu uns – und sie sollten es auch nicht, nicht, solange wir nicht wissen, dass wir mit ihnen lachen, tanzen, feiern können, auch wenn man es uns verbietet. Aber das muss man können und wollen, und man muss wissen: wir leben normalerweise nicht mit Kindern, wir leben für sie: als Autorität, Vorbild, Gefängniswärter. Unter diesen Bedingungen kann der Tanz, sofern er sich überhaupt von der Normalität emanzipieren kann, im Desaster enden, aber er kann auch befreiend sein. Dass dieses Risiko existiert, ist nicht meine Schuld, aber ich muss es tragen. Jede Begegnung wird dadurch zu einem Tanz auf dem Abgrund.

Es wird Zeit, wieder jemandem zu begegnen.


1 Antwort auf “Tanz auf dem Abgrund. Kleine Dichterei über ein Leben in Ketten”


  1. 1 SnoopyBoy 04. Januar 2009 um 21:52 Uhr

    Ich möchte…

    ….leben, leben in einer Welt, in der ich mal können und mal nicht können darf!

    http://www.wdr.de/tv/poetryslam/videos/20070311_video_michael_ebeling.jsp

    Befreite Grüße aus Berlin…
    Schnuffihund…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.