Ganz warm, kurz

Ich hasse diese kurzen Momente.

Das letzte Mal gesehen habe ich den Jungen vor drei Monaten, an einem der letzten Spätsommernachmittage, und wir spielten gemeinsam Fußball. Diese Begegnung war mir beinahe wie ein Wunder erschienen, hatte ich doch nicht mehr damit gerechnet, dass der Junge, dem seine Mutter eingeschärft hatte, nicht mit mir zu reden, das noch einmal tun würde. Ich weiß nicht, ob ich das extra dazu sagen muss, aber: es gab da keinen handfesten Grund für außer eben den, dass ich ihr Vertrauen nicht habe und sie leider auch kein Interesse daran hat, das Risiko, mir ihr Vertrauen zu geben, einzugehen. Ihn hat das an diesem Tag nicht davon abgehalten mich zum Spielen aufzufordern, und da ich verabredet war, meine Verabredung sich aber verspätete, sagte er zwischendurch sogar: „Gut, dass der nicht kommt, dann können wir noch länger zusammen spielen!“ Klar, dass mir das Herz aufging bei diesen Worten, denn ich empfinde viel für ihn. So viel, dass ich auch nach drei Monaten immer noch ständig an ihn denke. Ich weiß nicht, warum so viele Menschen das absurd finden, dass man in ein Kind verliebt sein kann, es ist einfach so.

In diesen drei Monaten gab es kein Lebenszeichen von ihm oder auch nur seiner Familie. Früher habe ich sie öfter mal zufällig gesehen, aber selbst an den wenigen schönen Tagen sah ich niemanden von ihnen draußen oder mal zufällig beim Einkaufen. Bis vor vier Tagen, da sah ich die Mutter, sie aber mich nicht, sie war im Stress, und ich traute mich auch nicht, sie anzusprechen – was sollte ich auch sagen? Einen Tag später sah ich sie erneut, von weitem, und ich fragte mich schwachsinnigerweise, ob das jetzt so eine Art Omen sei und ich ihn auch mal wiedersehen würde. Sonniges Wetter, Schnee – andere Jungen waren schließlich auch draußen. Ich sollte Recht behalten.

Ein Spaziergang im Park, eine Stelle zum Schlittenfahren, zwei Familien sind dort, ich kenne sie nicht, will sie nicht kennenlernen, gehe vorbei. Plötzlich schnelle Schritte hinter mir, ich drehe mich um: da strahlt er mich an, mir wird kurz schwindelig, dann fange ich mich wieder und lächele zurück. Er fragt, ob ich ihn noch kenne. Ja, klar. Wie es ihm gehe, frage ich: gut. Er fährt hier Schlitten. Ich begleite ihn zurück zu der Schlittenfahrstelle, frage ihn, ob er alleine da ist (auf der Goldwaage hinterher kommt das gar nicht gut), ja, ist er, und warum man ihn nur noch so selten draußen sieht, er zuckt mit den Schultern, und ich habe den Verdacht, dass er nicht mehr so oft in die Nähe meiner Wohnung kommen soll, vielleicht hat seine Mutter mitbekommen, dass er mit mir gespielt hat und das Verbot verschärft; aber warum mache ich mir solche schmerzhaften Gedanken, vielleicht war es auch nur das Wetter oder Zufall, ich habe hier den schönsten Jungen der Welt vor mir und so frage ich ihn, als er erzählt, dass er in den Ferien weg war, wie es dort gewesen sei, er sagt kurz was dazu, aber er hat jetzt wieder mehr Lust aufs Schlittenfahren, macht sich startklar, sagt tschüss, vielleicht ist ihm auch wieder eingefallen, dass er nicht mit mir reden soll – wieder dieser schmerzhafte Gedanke –, und ich sage auch tschüss, und dann rauscht er davon. Ich schaue ihm noch nach, neben mir zwei Mütter, die mich neugierig taxieren, dann drehe ich mich um und gehe, und mir wird ganz warm, kurz.

Ich hasse sie trotzdem, diese Momente.


4 Antworten auf “Ganz warm, kurz”


  1. 1 Blumentopf 11. Januar 2009 um 20:13 Uhr

    Jo, kann ich gut nachvollziehen, dass du diese Momente hasst. Man weiß nicht wann man ihn das nächste mal sehen wird oder ob man ihn überhaupt wiedersehen wird, wegen dem Verbot der Mutter. Man hat solche Sehnsucht nach ihm, aber weiß nicht ob man jemals wieder mit ihm Fußball spielen kann, oder ob es nur noch bei solchen kurzen Gesprächen bleibt. Sollte man ihn vergessen, weil man sich sonst zu viel rumquält oder doch noch auf eine normale Beziehung hoffen.

    Bist du auch im BL.net? Ich schon. Ich häng auch im irc channel „#dasdeutschezimmer“ ab. Im JuFo bin ich nicht mehr, ist mir zu unübersichtlich.

    liebe Grüße Blumentopf.

  2. 2 Admin 12. Januar 2009 um 0:49 Uhr

    Danke für deinen Kommentar, hat mich gefreut. Ja, da hast du es nochmal auf den Punkt gebracht. Wobei ich genau weiß, dass ich ihn wiedersehen werde, aber keine Ahnung, wann und in welchem Rahmen, und ich habe auch große Angst davor, weil ich nicht weiß, was das für ein Wiedersehen sein wird. Es ist so vieles unsicher, und ich hab auch wirklich keine Ahnung, wie ich der Mutter gegenüber treten soll. Ich weiß nur, dass „vergessen“ keine Option ist.

    Was mich tröstet: dass er mich offensichtlich mag und mich so schnell auch nicht vergessen wird. Was mich nervt: dass ich nicht weiß, wie sehr er mich mag und was er über mich denkt und warum er mir so schnell wieder tschüss gesagt hat usw. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass er es halt irgendwie cool findet, einen erwachsenen Kumpel zu haben, das Interesse seinerseits aber nicht so groß ist, dass er dafür kämpfen würde, dass er diesen öfter und auch länger sehen darf. Oder er hat’s mal versucht, ist aber gescheitert und hat sich gefügt; kann ich mir auch sehr gut vorstellen, ein bisschen kenne ich die Leute ja mittlerweile schon. Und deshalb müsste ich ja jetzt eigentlich kämpfen, aber wie? Es könnte jederzeit nach hinten losgehen, es müsste forsch sein, aber nicht zu forsch. Schwierig.

    Hm, machen sich „normale“ Heteros und Homos eigentlich so ähnliche Gedanken? Ich glaub schon. Sind wir vielleicht am Ende doch ganz normal… ;)

    BTW, über meine Aktivitäten in Foren und Chats möchte ich hier grundsätzlich nicht schreiben. Im BL.net bin ich aber definitiv nicht.

  3. 3 JonasID 19. Januar 2009 um 1:03 Uhr

    Ich bin sprachlos.
    Das ist so wunderschön geschrieben und spiegelt exakt wieder was so viele fühlen, mich eingeschlossen.
    Ich bin nicht in deiner Situation, aber in einer ähnlichen, daher kann ich nachvollziehen wie es ist…

    Danke für diesen tollen Blog! Weiter so!!!
    *thumbs up*

    -Jonas

  4. 4 Thommen 19. Januar 2009 um 23:45 Uhr

    „Hm, machen sich “normale” Heteros und Homos eigentlich so ähnliche Gedanken? Ich glaub schon. Sind wir vielleicht am Ende doch ganz normal…“

    Klar machen sich diese/wir auch solche Gedanken. Das sind aber Gedanken eines Verliebten, nicht eines Liebenden. Denn der Liebende „gibt“ ohne Kümmernis um das was zurückkommt…

    Daher sollten wir weniger von Mutterliebe und Elternliebe und mehr kritisch über Mutter-Sohn-Verliebtheit und Eltern-Kinder-Verliebtheit reden…

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