Leben am Limit

Mich persönlich ärgern weniger die kläglichen und stümperhaften Zensurversuche, sondern viel mehr die eklige, wiederliche Propaganda gegen die Päden, die diese Natzifotze von sich gibt:

Der kindermordende Perverse, der sich zum Todeskampf und den Schmerzensschreien von Kleinkindern einen runter holt.

(„Pompeius“ im JuFo)

Auch wenn Frau von der Leyen keine „Natzifotze“ ist, sondern lediglich – und schlimm genug – eine Vertreterin der Herrschaft eines bürgerlich-demokratischen Rechtsstaats1, so ist es doch genau das, was mir bei der ganzen Sache ebenfalls am meisten auf den Magen schlägt. Das Zerrbild des Pädophilen als Monster ist immer noch so bestimmend, dass alle Welt dieser Frau ihre Märchen tatsächlich glaubt2. Zerfetzte Babys, die an der Decke hängend vergewaltigt werden, unterstützt von einer „Milliardenindustrie“, das verkauft von der Leyen als die Definition von „Kinderpornografie“, als die Gefahr, vor der die harmlosen Bürger geschützt werden müssten – schließlich bestehe die Möglichkeit, „angefixt“ zu werden! –, ungeachtet der Tatsache, dass die tatsächliche öffentliche Definition von Kinderpornografie sich bereits so sehr in den Bereich des Harmlosen verschoben hat, dass beispielsweise Autor und Verlag eines schwulen Entwicklungsromans („Murats Traum“, Männerschwarm Verlag) nach Anzeige eines Lesers Opfer einer völlig irren Kriminalisierungsaktion der Justizbehörden wurden, da diese davon ausgingen, dass eine Passage des Romans, in der zwei Männer Sex vor den Augen eines 12jährigen haben, nach §184b strafbar sei. Aber auch „Posing“-Bilder oder Aktfotos werden bereits als „kinderpornografisch“ betrachtet, ganz zu schweigen von der Ausweitung der Kriminalisierung auf die sog. Jugendpornografie inkl. der absurden Konstruktion von „Scheinjugendlichkeit“. Kindheit und Jugend sind im Bereich der Erotik und Sexualität ein knallharter Straftatbestand geworden.

Darüber wollte ich aber eigentlich gar nicht schreiben. In Zeiten wie diesen ist es wichtig, sich hin und wieder auf die schönen Dinge des Lebens zu konzentrieren und all die Idioten, Heuchler, (Pseudo-)Moralisten und Spießer mal außen vor zu lassen. Wenn man wie ich das Glück hat, zu einem großen Teil in einem Umfeld zu leben, das einen einfach akzeptiert wie man ist, dann kann man auch mal innehalten und dankbar dafür sein. Zudem ist vor einigen Monaten ein Junge in mein Leben getreten, der mich als seinen Freund betrachtet. Ich weiß nicht, wie lange das noch so sein wird, wie sich unsere Freundschaft noch entwickelt und was sie überhaupt für eine Bedeutung hat – Leute wie ich tendieren dazu, sowas ganz bekloppt zu überhöhen –, und das nervt, sehr, das macht mich teilweise ganz schön fertig, aber ich weiß, dass er mir schon ebenso viele glückliche Momente beschert wie er mich Nerven gekostet hat. Ein Junge eben. Oder nein: er eben. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, viel mehr bleibt mir nicht übrig.

Es ist immer wieder irre, in dem Bewusstsein zu leben, dass beinahe jeder Mensch, mit dem man Umgang hat, einen vermutlich am liebsten umbringen würde, wüsste er von „dieser Sache“. Die meisten Jungenliebende suchen sich deshalb andere, die aus eigener Erfahrung wissen, dass sie keine Monster sind. Oder sie vertrauen sich manchen Freunden an und stellen dann irgendwann fest, wie gefährlich das ist, da keine Freundschaft 100% verlässlich ist, profitieren aber, wenn es funktioniert, gleichzeitig emotional enorm davon, von „Stinos“ akzeptiert zu werden. Dennoch: die Existenz steht jederzeit auf dem Spiel. Neulich fragte mich meine Mutter, was das für ein Stress sei, der mich offensichtlich plagt, und ich sagte nur, sie müsse nicht alles wissen. Ich glaube, es wäre zu anstrengend für uns beide, wenn sie es wüsste; ich lebe jetzt schon am Limit meiner Belastungsfähigkeit. Und trotzdem ist es immer wieder verlockend.

Das waren jetzt ziemlich viele Plattitüden, aber sie mussten mal raus. Ich glaube, ich lebe trotz aller Schwierigkeiten immer noch besser als vor meinem inneren Coming-Out, also bevor ich mir selbst eingestand, auf Jungs zu stehen. Was alles damit verbunden ist, der ganze Selbstfindungsprozes, das ist wohl nie zu Ende, aber es lohnt sich. Vor ein paar Wochen erhielt ich eine Mail von einem 16jährigen, der Angst hat, pädophil zu sein. Ich habe versucht, ihm die Angst zu nehmen, aber leider keine Antwort erhalten. Er ist sicherlich nicht der einzige da draußen, der unter der Stigmatisierung als krankes Monster leidet. Ich möchte deshalb hier einfach mal allen Mut machen, die ähnlichen Stress durchmachen oder noch durchmachen werden, es nicht zu verdrängen, sondern einfach versuchen zu leben. Es geht.

  1. also jener Staatsform, die von vielen Gegnern der aktuellen Einführung von Internetzensur tatsächlich gerettet werden möchte – obwohl sie es ist, die diese ganzen Übel doch hervorbringt [zurück]
  2. Symptomatisch auch eine brillante Episode der britischen Fake-Documentary „Brass Eye“ zum Thema Pädophilie, in der Prominente ohne Probleme u.a. dazu gebracht wurden, den Zuschauern zu versichern, Pädophile hätten mehr Gene mit Krabben gemein als mit Menschen. [zurück]

1 Antwort auf “Leben am Limit”


  1. 1 rxsa 27. Mai 2009 um 13:24 Uhr

    „Ich möchte deshalb hier einfach mal allen Mut machen, die ähnlichen Stress durchmachen oder noch durchmachen werden, es nicht zu verdrängen, sondern einfach versuchen zu leben. Es geht.“

    Ja, das tut es. Vielen Dank.

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