Tod eines Monsters

Zum Tode des wohl beliebtesten Pädophilen der Welt ist in dieser und auf diesem Blog-Hoster heute einiges los. Spiegel Online z.B. meint, in Michael Jackson ein „monströses Genie“ (heute morgen noch: „Monster und Genie“) erkannt zu haben, und schreibt auch gleich dazu, warum:

An jenem Sommertag in Kalifornien traten zwölf Geschworene in den Saal 102 des Bezirksgerichts von Santa Maria, um ihr Urteil zu verkünden über den gestürzten „King of Pop“. Den größten Hitmacher der Musikgeschichte. Den Freak. Es war ein Freispruch – auf dem Papier. Lediglich „reasonable doubt“, berechtigter Zweifel, hielt jene Jury davon ab, Jackson wegen sexuellen Missbrauchs eines 13-Jährigen zu verurteilen, und sie machte das auch sehr deutlich.

In Gang gebracht wurde der Prozess damals durch die Dokumentation „Living With Michael Jackson“, die vom SpOn-Autor als „skurril“ bezeichnet wird, vermutlich deshalb, weil dort ein glücklicher Junge davon erzählt, dass er mit Jackson in einem Bett schlafe – man mache das eben so, wenn man sich lieb hat. Zwei Menschen, die sich lieb haben – da kann man schon mal von Skurrilität sprechen, wenn man überhaupt gar keinen Funken Verstand mehr im Kopf hat. Oder davon, dass Jackson „keine Kindheit“ gehabt habe (wie geht das? Er hatte lediglich eine andere Kindheit als die vom Autor idealisierte!), was in dem Artikel auch schön wiederholt wird, so als sei das die einzig gültige – und vielleicht akzeptable – Begründung für Jacksons mehr als offensichtliche Neigung zu (prä-)pubertären Knaben. Einfach so pädophil sein, das geht nämlich nicht, das ist ein Knacks, der therapiert gehört, sonst passiert so etwas:

1988 kaufte er sich Neverland, sein privates Disneyland in den Hügeln Kaliforniens. Die Ranch umfasste tausend Hektar, samt Privatzoo und Kirmes mit Riesenrad, Karussell und Eisenbahn. Jackson wohnte im Haupthaus, inmitten von Spielzeugen, Puppen und Kunst. Statt Jackson aber Geborgenheit zu geben, brachte Neverland ihm den Ruin. Er bevölkerte das Anwesen mit Kindern, sah keine Schranken zwischen ihnen und ihm – und so nahmen Gerede und Gerüchte ihren Lauf.

„Gerede und Gerüchte“, weil jemand gern mit Kindern zusammen ist bzw. weil er „keine Schranken zwischen ihnen und ihm“ sieht – wo doch die Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt ein unbedingtes Dogma dieser Gesellschaft darstellt –, das ist wohl leider die Normalität in dieser Gesellschaft. Wenn derjenige dann noch der größte Popstar der Welt ist, kann man ihm auch schonmal ein bisschen Geld aus den Rippen leiern: 25 Millionen Dollar Schweigegeld soll Jackson 1993 in seinem ersten „Kindersex-Verfahren“ (sic!) bezahlt haben, das zweite – 2005 – brachte ihm zwar einen Freispruch ein, aber den Ruch des Pädophilen, des Kinderschänders, hatte er längst weg. Bemerkenswert dabei: weil Jacksons Musik und er selbst so ungeheuer beliebt sind in der Welt, nahm es ihm kaum jemand übel. Es wird zwar erwähnt – wie in dem vorliegenden SpOn-Artikel –, aber als „Skurrilität“ verklärt, als eine der vielen Macken, die der exzentrische Popstar nun einmal so hatte.

Der ganz normale Pädo von nebenan hat da meistens weniger Glück. Gegen „Gerede und Gerüchte“ kann der sich im Regelfall nur durch einen geordneten Rückzug wehren, sonst ist Ende im Gelände. Und sollte er dabei draufgehen, vielleicht durch Selbstmord, vielleicht durch einen Lynchmob, vielleicht auch durch einen stressbedingten Herzanfall, niemand würde ihm eine Träne nachweinen. Höchstens hinterherspucken würde man ihm, denn er war nicht „skurril“ oder ein „monströses Genie“: er war Abschaum.

Nachtrag vom 28.06.2009: Der Fernsehsender arte hat eine sehr interessante Dokumentation zum Fall Michael Jackson ausgestrahlt.

Nachtrag vom 02.07.2009: Unter der Überschrift „Für immer Kind“ äußert sich der Schriftsteller Joey Goebel in der aktuellen Ausgabe der Zeitung „Die Zeit“ über Michael Jackson u.a. wie folgt:

Mein Mitgefühl erlaubt mir, die abseitige Welt von Neverland zu übersehen und das Talent dieses Mannes anzuerkennen.

Daneben versucht der Dichter Durs Grünbein seinem Beruf gerecht zu werden und scheitert, wie immer, kläglich:

Ein Wesen groovt da, ruft im falschen Falsett
Nach der Kindheit: der traurigste Star der Welt.

Eine Seite weiter bilanziert die Theaterkritikerin Margo Jefferson:

Mit seiner Zerrissenheit und seiner Selbstzerstörung können wir [Amerikaner – Admin] leben, während wir zugleich seine große Begabung und Kunst feiern. Beides passt nicht besonders gut zusammen. Aber das ist auch nicht notwendig. Er war unvollkommen, und er war unglaublich talentiert.
Der Rest ist Schweigen.

„Abseitige Welt“, „falsches Falsett“, „Zerrissenheit und Selbstzerstörung“, Unvollkommenheit – es gibt viele Chiffren für Pädophilie heutzutage. Das Ganze erscheint als vollständig rätselhaft, unwirklich, eben monströs, jedenfalls nicht menschlich. Es muss totgeschwiegen und verklärt werden anstatt diskutiert und erklärt. Wenn ich nicht wüsste, dass ich selbst mal in ähnlichen Denkstrukturen gefangen war, würde ich es nicht für möglich halten. Es gibt noch einiges zu tun…