Archiv für Januar 2010

Bäst i Sverige!

Über die tiefe Kluft, die in dieser Welt zwischen Erwachsenen und Kindern aufgemacht wird, um die jungen Menschen für das herrschende System zu disziplinieren, habe ich schon häufiger geschrieben. Ein Film, der diese Kluft geradezu mit Inbrunst illustriert, ist „Bäst i Sverige!“ (die deutsche Version heißt „Zwei kleine Helden“) von Ulf Malmros. Er handelt von Marcello und Fatima, zwei Einwandererkindern in Schweden, die beide nicht nur den rassistischen Hass ihrer Mitschüler, sondern auch das brutale Unverständnis ihrer älteren Familienangehörigen auf sich ziehen. Weder Marcello noch Fatima erfahren in ihrem Elternhaus auch nur einen Funken Verständnis für ihre Art zu leben, für das, was sie sind: Marcellos Vater will aus ihm einen Profifußballer und einen echten Kerl machen, seine Mutter drängt ihn dazu, ein Priester zu werden, beide bemerken dabei nicht, dass er eigentlich Pilot werden will, und dass ihr Sohn ständig niedergeschlagen ist, weil er von seinen Mitschülern täglich drangsaliert wird. Fatima wiederum ist diejenige, die Fußballprofi werden möchte, aber sie hat mit der patriarchalen Brutalität ihrer Brüder und der Gleichgültigkeit ihres Vaters zu kämpfen, und auch ihre Mutter kann ihr nicht helfen: sie ist bei einem Raketenangriff getötet worden. Die beiden Ausgestoßenen verlieben sich ineinander und kämpfen fortan gemeinsam für sich und ihre Träume.

Obwohl der Film die Geschichte versucht kindgerecht zu inszenieren, zeigt er das Leid der beiden Unverstandenen schonungslos auf und sorgt so dafür, dass der Zuschauer unter ihm leidet, genauer: darunter, dass die beiden keine Chance haben, denn sie sind nichts weiter als die Projektionsflächen der Älteren. Das Ende bietet zwar Hoffnung – bei einem Kinderfilm kein Wunder –, aber es bleibt doch ein Unbehagen zurück, das – so ist jedenfalls zu hoffen – dem einen oder anderen jungen oder alten Zuschauer die Augen öffnet.

Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein: auf amazon.de steht die Kundenrezension einer „Grundschullehrein und Schulpsychologin“, die in „Zwei kleine Helden“ einen „für Kinder schädlichen Film“ sieht; Begründung: er beschönigt nichts, und er enthält keine „pädagogisch wertvollen Aussagen“! Das ist natürlich an Dummheit kaum zu überbieten und kann bestenfalls damit erklärt werden, dass die Frau ihre eigene Unfähigkeit, ihr eigenes Versagen im Alltag, an das sie der Film vermutlich erinnert hat – weil sie ja auch eine dieser Erwachsenen ist, die immer von oben herab auf Kinder schauen, immer mit professioneller Distanz, immer mit Formeln aus dem Lehrbuch, nie mit Empathie und Verständnis –, dass sie also ihr eigenes pädagogischen Unvermögen mit Empörung kaschieren muss anstatt es zu reflektieren. Und deshalb sieht sie den kindlichen Standpunkt, den „Bäst i Sverige!“ schonungslos in den Mittelpunkt rückt, den Standpunkt kindlicher Außenseiter, den will sie gar nicht sehen. Sie will nicht sehen, wie Marcello seine Freundin Fatima versucht aufzuheitern, indem er sein Gesicht in Ketchup taucht – eine wunderschöne Szene, die das Verhältnis der beiden Kinder zueinander sehr schön illustriert –, denn das macht ein braves Kind nicht, die Szene ist also „überflüssig“. Sie will nicht hören, wie Fatima Marcello davon erzählt, wie ihre Mutter gestorben ist – ein zärtlicher Vertrauensbeweis –, auch das hält die Frau ernsthaft für „überflüssig“, denn es ist ja „brutal“ – natürlich ist es das, aber wie wenn nicht im Rahmen eines Kinderfilms sollen Kinder denn sonst auf die Brutalität der Welt vorbereitet werden? Aber sollen sie das überhaupt? Oder sollen sie einfach die Augen verschließen, so wie viele Erwachsene das auch tun? Wenn es nach dieser Frau geht, schon: sie will einen Film sehen, der „pädagogisch wertvoll“ ist, der also zeigt, dass es gut ist, das Kind in eine Schablone zu pressen, weil die Schablonen als gut definiert werden. Der brave, angepasste Kinder zeigt. Wenn ein Kind wie Marcello darunter leidet nicht dazu zu gehören, wenn ein solches Kind dann das Unwerturteil der Gesellschaft über sich übernimmt, indem es sich selbst für den größten Versager hält (und das ja auch ist – wegen der Stellung der anderen zu ihm!), und wenn es aus diesem Dilemma nur dadurch versuchen kann auszubrechen, indem es etwas völlig wahnwitziges tut, um der „Bäst i Sverige“ zu werden – dann findet das diese Grundschullehrerin und Schulpsychologin „nicht normal“ und ist empört.1 Und sie will, dass das Leid der Ausgestoßenen unter den Teppich gekehrt wird, weil das eben nicht normal ist – Normalität über allem, das ist der Standpunkt der Erwachsenen, und unter diesem leiden zahllose Kinder auf der ganzen Welt. Weil sie als Kinder nur halbe Menschen sind.

Mich hat der Film – trotz einiger Schwächen, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will – berührt, wütend und traurig gemacht. Selbst das vermeintliche Happy End scheint mir keines zu sein, obwohl es Hoffnung gibt. Aber es ist ja nur ein Film, der braucht keine Hoffnung. Hoffnung braucht die Realität.

  1. Dabei ist es ja eigentlich genau das, was soziale Normalität im Kapitalismus ausmacht: sich selbst im Rennen um die besten gesellschaftlichen Plätze besonders gut darstellen, einen Selbstbewusstseinskult zelebrieren, dabei aber bloß nicht zu sehr aus der Reihe tanzen, lediglich die anderen ausstechen – und sich selber nicht ausstechen lassen! Dass dabei Leute auf der Strecke bleiben, ist nur folgerichtig. [zurück]

Ein neuer Anfang?

2010 ist da: ein neues Jahrzehnt – ein neuer Blogeintrag – ein neues Leben? Der sog. Kinderschutz nimmt immer abstrusere Züge an, der verdiente GenossePäderastenkollege SnoopyBoy hat sein Blog gelöscht, und ich bin immer noch nicht zum Kinderschänder geworden, ganz ohne Dr. Beier. Oder? Wie habe ich eigentlich das Jahr verbracht?

2009 unternahm ich den Versuch, eine „offene Wohnung“ zu unterhalten, also von den Eltern „vernachlässigte“ bzw. mit vielen Freiheiten versehene Jungs in meine Wohnung einzuladen. Ist das eigentlich schon Kinderschändung? Schließlich soll man Kinder in Ruhe lassen, wenn man sie nicht gerade in die Schablonen presst, die man für sie in der Schublade liegen hat. Und das habe ich nicht getan, sondern ich habe mich einfach ihnen angenähert. Ich wollte das hier ausgiebig reflektieren, aber ich merke, das kann ich nicht, und stelle daher nur fest: der Versuch ist gescheitert. Ich kann nicht mit Jungen wie diesen befreundet sein. Ich hatte keine Schablonen für sie, und so passten wir nicht zusammen. Mehr werde ich dazu nicht schreiben, denn ich vermisse sie trotz allem, obwohl ich den Versuch bewust beendet habe, und ich bin auch dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte und für die Zuneigung, die mir – warum auch immer – hin und wieder entgegengebracht wurde. Unvergessen bleibt ein Kirmesbesuch, die strahlenden Gesichter, unvergessen bleiben die Momente, wenn er Nähe zuließ, und unvergessen bleiben die Angst und die Anspannung und der Gedanke, den ich immer hatte, wenn wir draußen waren: ja, ich bin mit Jungs unterwegs, und sie sind nicht mit mir verwandt – was willst du tun, Spießer?

Nun bin ich wieder allein mit meiner Sehnsucht, ein Zustand, den ich mir in den letzten Monaten tatsächlich häufig gewünscht habe, weil es schlicht zu anstrengend wurde, dieses völlig atypische Leben eines erwachsenen Mannes, der soviel Zeit mit so jungen Menschen verbringt und dabei nicht einmal die wichtigsten ihrer Interessen teilt. Ich weiß jetzt, dass ich etwas anderes möchte. Da kommt die Sehnsucht dann heran geeilt, und sie kann so quälend werden, dass ich mir den Trubel zurück wünsche: denn es ist ja viel schwerer, meine Sehnsucht auf eine Weise zu stillen, die mich zufrieden stellt. Ich wusste das vorher. Andererseits: wer ist schon wirklich glücklich? Wenn ich mir die Menschen anschaue mit ihren geregelten Leben und ihrer Normalität, dann sehe ich darin zu vieles, was mir widerstrebt. Ein Glücksgefühl ist das dann in mir, ein kleines Licht des Glücks. (Übrigens ist es das, was die blaue Kerze vom IBLD für mich symbolisiert.)

Viel mehr als den Trubel aber wünsche ich mir die Nähe eines ganz bestimmten Menschens, des Jungen, den ich schon vor einem Jahr nur unter Schmerzen sehen konnte. Diesen Jungen habe ich das ganze Jahr über nur noch ein paar weitere Male gesehen. Einmal hat er mit mir geredet. Zweimal hat er mich gesehen und mir zugewunken. Häufiger aber hat er durch mich hindurch geschaut, und mittlerweile dürfte er mich vergessen haben. Ich aber kann ihn nicht vergessen und denke nach wie vor sehr oft an ihn. Ich war abgelenkt durch den Trubel, nun bin ich es nicht mehr. Nun verfluche ich meine romantische Ader.

Aber auch das muss bald vorbei sein. Es gibt zwar keinen Abschied – ich habe zu große Angst, ihn dadurch zu verstören –, aber innerlich arbeite ich daran, denn es ist unmöglich, wieder sein Freund zu werden. Ich breche deshalb auf zu neuen Ufern, begebe mich neu auf die Suche nach jemandem, den es sich zu begegnen lohnt. Ich bin wieder am Anfang und doch viel weiter: 2009 stand unter ihrem Zeichen, 2010 beginnt sie erneut – bedächtiger, klüger, geregelter, aber bitte niemals in den Abgrund der Normalität hinein. Ich bin gespannt, ob ich das schaffe.