Bäst i Sverige!

Über die tiefe Kluft, die in dieser Welt zwischen Erwachsenen und Kindern aufgemacht wird, um die jungen Menschen für das herrschende System zu disziplinieren, habe ich schon häufiger geschrieben. Ein Film, der diese Kluft geradezu mit Inbrunst illustriert, ist „Bäst i Sverige!“ (die deutsche Version heißt „Zwei kleine Helden“) von Ulf Malmros. Er handelt von Marcello und Fatima, zwei Einwandererkindern in Schweden, die beide nicht nur den rassistischen Hass ihrer Mitschüler, sondern auch das brutale Unverständnis ihrer älteren Familienangehörigen auf sich ziehen. Weder Marcello noch Fatima erfahren in ihrem Elternhaus auch nur einen Funken Verständnis für ihre Art zu leben, für das, was sie sind: Marcellos Vater will aus ihm einen Profifußballer und einen echten Kerl machen, seine Mutter drängt ihn dazu, ein Priester zu werden, beide bemerken dabei nicht, dass er eigentlich Pilot werden will, und dass ihr Sohn ständig niedergeschlagen ist, weil er von seinen Mitschülern täglich drangsaliert wird. Fatima wiederum ist diejenige, die Fußballprofi werden möchte, aber sie hat mit der patriarchalen Brutalität ihrer Brüder und der Gleichgültigkeit ihres Vaters zu kämpfen, und auch ihre Mutter kann ihr nicht helfen: sie ist bei einem Raketenangriff getötet worden. Die beiden Ausgestoßenen verlieben sich ineinander und kämpfen fortan gemeinsam für sich und ihre Träume.

Obwohl der Film die Geschichte versucht kindgerecht zu inszenieren, zeigt er das Leid der beiden Unverstandenen schonungslos auf und sorgt so dafür, dass der Zuschauer unter ihm leidet, genauer: darunter, dass die beiden keine Chance haben, denn sie sind nichts weiter als die Projektionsflächen der Älteren. Das Ende bietet zwar Hoffnung – bei einem Kinderfilm kein Wunder –, aber es bleibt doch ein Unbehagen zurück, das – so ist jedenfalls zu hoffen – dem einen oder anderen jungen oder alten Zuschauer die Augen öffnet.

Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein: auf amazon.de steht die Kundenrezension einer „Grundschullehrein und Schulpsychologin“, die in „Zwei kleine Helden“ einen „für Kinder schädlichen Film“ sieht; Begründung: er beschönigt nichts, und er enthält keine „pädagogisch wertvollen Aussagen“! Das ist natürlich an Dummheit kaum zu überbieten und kann bestenfalls damit erklärt werden, dass die Frau ihre eigene Unfähigkeit, ihr eigenes Versagen im Alltag, an das sie der Film vermutlich erinnert hat – weil sie ja auch eine dieser Erwachsenen ist, die immer von oben herab auf Kinder schauen, immer mit professioneller Distanz, immer mit Formeln aus dem Lehrbuch, nie mit Empathie und Verständnis –, dass sie also ihr eigenes pädagogischen Unvermögen mit Empörung kaschieren muss anstatt es zu reflektieren. Und deshalb sieht sie den kindlichen Standpunkt, den „Bäst i Sverige!“ schonungslos in den Mittelpunkt rückt, den Standpunkt kindlicher Außenseiter, den will sie gar nicht sehen. Sie will nicht sehen, wie Marcello seine Freundin Fatima versucht aufzuheitern, indem er sein Gesicht in Ketchup taucht – eine wunderschöne Szene, die das Verhältnis der beiden Kinder zueinander sehr schön illustriert –, denn das macht ein braves Kind nicht, die Szene ist also „überflüssig“. Sie will nicht hören, wie Fatima Marcello davon erzählt, wie ihre Mutter gestorben ist – ein zärtlicher Vertrauensbeweis –, auch das hält die Frau ernsthaft für „überflüssig“, denn es ist ja „brutal“ – natürlich ist es das, aber wie wenn nicht im Rahmen eines Kinderfilms sollen Kinder denn sonst auf die Brutalität der Welt vorbereitet werden? Aber sollen sie das überhaupt? Oder sollen sie einfach die Augen verschließen, so wie viele Erwachsene das auch tun? Wenn es nach dieser Frau geht, schon: sie will einen Film sehen, der „pädagogisch wertvoll“ ist, der also zeigt, dass es gut ist, das Kind in eine Schablone zu pressen, weil die Schablonen als gut definiert werden. Der brave, angepasste Kinder zeigt. Wenn ein Kind wie Marcello darunter leidet nicht dazu zu gehören, wenn ein solches Kind dann das Unwerturteil der Gesellschaft über sich übernimmt, indem es sich selbst für den größten Versager hält (und das ja auch ist – wegen der Stellung der anderen zu ihm!), und wenn es aus diesem Dilemma nur dadurch versuchen kann auszubrechen, indem es etwas völlig wahnwitziges tut, um der „Bäst i Sverige“ zu werden – dann findet das diese Grundschullehrerin und Schulpsychologin „nicht normal“ und ist empört.1 Und sie will, dass das Leid der Ausgestoßenen unter den Teppich gekehrt wird, weil das eben nicht normal ist – Normalität über allem, das ist der Standpunkt der Erwachsenen, und unter diesem leiden zahllose Kinder auf der ganzen Welt. Weil sie als Kinder nur halbe Menschen sind.

Mich hat der Film – trotz einiger Schwächen, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will – berührt, wütend und traurig gemacht. Selbst das vermeintliche Happy End scheint mir keines zu sein, obwohl es Hoffnung gibt. Aber es ist ja nur ein Film, der braucht keine Hoffnung. Hoffnung braucht die Realität.

  1. Dabei ist es ja eigentlich genau das, was soziale Normalität im Kapitalismus ausmacht: sich selbst im Rennen um die besten gesellschaftlichen Plätze besonders gut darstellen, einen Selbstbewusstseinskult zelebrieren, dabei aber bloß nicht zu sehr aus der Reihe tanzen, lediglich die anderen ausstechen – und sich selber nicht ausstechen lassen! Dass dabei Leute auf der Strecke bleiben, ist nur folgerichtig. [zurück]

2 Antworten auf “Bäst i Sverige!”


  1. 1 Goorus DSL Raiders 03. März 2010 um 20:15 Uhr

    Danke für den Filmtipp hört sich mal wieder nach einem Film mit Sinn und Verstand an, aber man sollte ihn sich wohl für einen Abend mit Taschentuch reservieren.
    Pädagogen haben irgendwann auch mal gelernt, wie man leeren soll, und manche haben darüber das Kind und Menschsein, die Gefühlswelt völlig vergessen.

  2. 2 Studi 17. März 2010 um 23:27 Uhr

    weil sie ja auch eine dieser Erwachsenen ist, die immer von oben herab auf Kinder schauen, immer mit professioneller Distanz, immer mit Formeln aus dem Lehrbuch

    Daß Kinder von Erwachsenen von oben herab bevormundet werden können (wobei das nicht für alle Erwachsenen gilt) und als Objekt der Erziehung ihre Subjektivät in der Beziehung zu Erwachsenen verlieren können, ist auch Lehrbuchstoff.

    Spätestens seit Ellen Keys „Das Jahrhundert des Kindes“, das zur Reformpädagogik heißt Kindheit: Kinder sind Persönlichkeiten. Die Reformpädagogik ist Bestandteil in der Erzieher- und Lehrerausbildung und in der Erziehungswissenschaft Seminargegenstand. Und sie führt uns zur „individuellen Förderung“ heute.

    Die Lehrerin ist also inkompetent, da sie unfähig ist, das Bild vom Kind im Film herauszuarbeiten.

    Vielleicht ist sie aber auch einfach nur konservativ.

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