Meine Pädophilie ist nicht die der Gesellschaft

Ich frage mich manchmal, woher ich eigentlich früher die Kraft genommen habe, dieses Blog zu gestalten und vollzuschreiben, mich so eindringlich mit dem Thema „Pädophilie“ auseinander zu setzen. Die Antwort ist wohl, dass es mich weniger Kraft gekostet als vielmehr mir Kraft gebracht hat, als eine Art positive Verstärkung meines Selbstbildes, das sich unter dem Eindruck einer Erkenntnis, die andere Menschen schonmal zum Anlass nehmen sich umzubringen, behaupten musste. Nun ist die Auseinandersetzung mit dieser Erkenntnis nie vorbei, und so möchte ich einen Artikel über eine interessante neue Fernseh-Dokumentation zum Anlass nehmen, mich mal wieder ein wenig zu wundern, über die Gesellschaft und über mich selbst.

In ihrem Film „Outing“ begleiten die Filmemacher Sebastian Meise und Thomas Reider einen jungen Mann namens „Sven“, der sich als pädophil versteht:

Der Film begleitet ihn vier Jahre lang, zeigt seinen inneren Kampf und wirft Fragen auf nach moralischen Grenzen, und danach, welchen Platz Menschen wie Sven in der Gesellschaft haben können.

Diesen „inneren Kampf“ kenne ich auch. Es ist der Kampf eines Menschen, dessen romantische Gefühle sich auf ältere Kinder und Jugendliche beziehen und der für diese Gefühle eine Menge gesellschaftlich gut verankerter Vorstellungen und Anfeindungen ertragen muss: wer solche Gefühle hat, ist ein Pädophiler, sagt die Gesellschaft und meint damit eine ganz schreckliche Art von Mensch. Der Kampf ist aber nicht offen und gegenseitig, sondern mein eigener – ich muss ganz allein damit klarkommen, dass Menschen, die mir sympathisch sind oder die mir etwas bedeuten, mich vermutlich urplötzlich ganz anders sehen würden, wenn sie davon wüssten, nämlich durch die Zerrbrille einer von Vorurteilen und falschen Vorstellungen über Pädophilie geprägten Gesellschaft. Sonia Neufelds Interview mit den Filmemachern zeigt einige davon, und es zeigt auch, dass man ganz falsch damit umgehen kann, nämlich so wie Sven:

Er denkt sich immer: „Wenn die Leute, mit denen ich rede, wissen würden, was eigentlich in mir vorgeht, dann würden sie mich alle hassen.“ Das Gefühl ist natürlich schrecklich, wenn du weißt, niemand kennt dich, und wenn sie dich kennen würden, würden sie dich hassen. Damit hat Sven seine ganze Pubertät zu tun gehabt, hat dann einen Suizidversuch unternommen und sich schließlich gedacht, er muss akzeptieren, dass das diese dunkle Seite von ihm ist, die er aber nie ausbrechen lassen will.

Sven verliert seinen Kampf regelmäßig: Für ihn bleiben seine Gefühle auch nach der reflektierten Selbsterkenntnis etwas Böses, Dunkles. Wieso aber eigentlich „dunkle Seite“? Man kann Pädophilie auch ganz anders erleben: die Momente, die ich mit sympathischen und schönen Jungen, mit Jungen und Kindern überhaupt, verbringe, sind meine hellsten – und wenn sie lachen und sich freuen, dann werden sie noch heller. Auch finden diese Momente nicht im Verborgenen, in irgendeiner dunklen Ecke, statt, sondern unter den Augen der Öffentlichkeit. Dennoch sind sie auf eine gewisse Art und Weise privat, privat und freundschaftlich. Wieso auch nicht? Als „ganzheitlicher Mensch“ will Sven wahrgenommen werden. Dann gehören aber auch die Jungs dazu, und das geht nur bedingt heimlich. So werde ich dann durchaus zutreffend vielleicht als Kinderfreund wahrgenommen, nicht aber als Pädophiler – weil ein Pädophiler als Unmensch gilt, und das bin ich ja nicht. Pädophile, die nicht depressiv werden, müssen sich solche Nischen suchen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber sie ist möglich und wird immer wieder auf verschiedene Arten und Weisen bewältigt.

Aber ist das schon ein Ausleben von Sexualität? Reider fragt sich,

ob der seine Sexualität nie in irgendeiner Form auslebt. Der muss ja Kompensationshandlungen machen. Du kannst ja nicht deine Sexualität völlig ausblenden.

Ob Reider schonmal was von Onanie gehört hat? Die Archäologie, Svens Beruf, jedenfalls hat mit Sexualität eher wenig zu tun. Sexualität ist etwas umfassendes, das auch soziale Kontakte, intime liebevolle Momente, Fantasien einschließt. Kein Pädophiler muss auf ein Ausleben in diesem Sinne verzichten, denn es ist straffrei. Sowieso ist Pädophilie ja eigentlich etwas völlig Harmloses: sexuell aufgeladene Schwärmereien für Kinder schaden per se erstmal niemandem und sollten in einer Welt, in der alle sechs Sekunden ein Kind an Hunger stirbt, in der es Kinderarbeit und Kindersoldaten gibt und in der auch in einigen Regionen Deutschlands bis zu 25% der Kinder in Armut leben, eigentlich nicht den Spitzenplatz vorstellbaren Horrors innehaben. Und doch konstatiert Filemmacher Meise zutreffend:

Ein Therapeut hat uns gesagt, dass es für viele Fachleute ganz schwer ist, sich in diese Fantasien reinzuversetzen. Das ist wie für uns alle ein Tabu. Man will sich nicht ausmalen, was in diesen Menschen vorgeht.

Warum? Wir, die „ihr alle“ (s.o.) gerne von euch getrennt sehen wollt, verlieben uns in Kinder und Jugendliche; wir wollen ihre Freunde sein, und wir stellen uns gerne vor, mit ihnen intim zu werden. Das ist alles. Natürlich möchte ich mich auch nicht in die sexuellen Fantasien anderer Menschen, hier: von „euch allen“, hineinversetzen. Aber wäre ich Therapeut, müsste ich das, denn es gehörte zu meinem Fach.

Mir fällt es unheimlich schwer, den Horror der Gesellschaft, der in diesem Missstand zum Ausdruck kommt, nachzuvollziehen. Das Unmoralische, Verwerfliche, Monströse der Pädophilie ist mir völlig fremd. Im Gegenteil, ich erlebe Freundschaften mit Jungen als deutlich positiver als etwa Hetero-Beziehungskisten in meinem Bekanntenkreis, die nämlich in erster Linie aus gegenseitigem Besitzdenken und daraus entstehenden Eifersuchtsdramen bestehen. Nicht umsonst gilt der Satz „Wir können ja Freunde bleiben“ bei Trennungen als Farce; Junge und Mann hingegen können auch dann Freunde bleiben, wenn der Junge kein Junge mehr ist, die Freundschaft also ihr libidöses Moment verloren hat, denn sie hatten nie eine derart schädliche Beziehung zueinander.

Doch geht es der Gesellschaft ja gar nicht um reale Freundschaften und Beziehungen, sondern um ein irreales Zerrbild, das selbst davor nicht zurückschreckt, „kriminelle Gedanken“ zu diskutieren:

Sven ist ein Beispiel für die Frage, wie sehr darf jemand so empfinden, wie sehr hat das einen Impact auf seine Lebensrealität, wiewohl er „nur“ so denkt? Gehören gewisse Dinge sanktioniert, wenn man die Gedanken von jemandem kennt? Was bedeuten Gedanken für das zwischenmenschliche Zusammenleben?

Es ist eine furchtbare Dystopie, durchgespielt in Literatur und Film: der Mensch ist gläsern, seine Gedanken bekannt und sanktioniert. Im Kontext der Pädophilie erscheint sogar diese düstere Vorstellung als diskutierbar! Man möchte schreien und weinen bei soviel Dummheit, aber dann hätte man eine Schlacht verloren. Denn das ist am Wichtigsten für jeden Menschen, der sich in Kinder verliebt: sich die Liebe und die Lust am Leben nicht nehmen zu lassen. Es bietet für jeden von uns genügend Möglichkeiten, Schönes zu erleben – auch wenn wir wegen der unabsehbaren Folgen für alle Beteiligten wohl besser auf explizit sexuelle Kontakte zu Kindern verzichten sollten. Sicher hätte ich vor Jahren ein depressives Wrack werden können, Anlässe dafür gibt und gab es genug. Aber wie viele lachende Augen in hübschen Gesichtern, wie viele glückliche Momente, spannende Begegnungen hätte ich verpasst? Mir sind Jungen in die Arme gesprungen vor Freude! Ich war Zuflucht und Freund, manchmal auch nützlicher Idiot, aber auch das letzten Endes gerne. Und ich bin es weiterhin, und das alles, ohne jemals verbrannte Erde hinterlassen zu haben und ohne jemals einen Jungen zu etwas gebracht zu haben, was er nicht wollte. Warum auch? Dafür sind doch Eltern, Erzieherinnen und Lehrer da!

Nein, meine Pädophilie ist nicht die, von der ich in den Medien immer lese. Und auch darüber darf ich mich wundern, im positiven Sinne, es ist ein freudiges Wundern: ich bin doch stärker als ich manchmal denke.

Die Pädophilie, wie sie in den Medien, auch in „Outing“, vorkommt, als monströse Abnormalität bemitleidenswerter Menschen nämlich, hat mit mir kaum etwas zu tun. Die realen Beispiele sind dann immer Leute wie Sven, die dieses Bild übernommen haben, weil ihr Selbstbewusstsein zu schwach war, um den eingangs angesprochenen Kampf für sich zu gewinnen. Nie sind es Leute, die die Fähigkeit, sich in Kinder und Jugendliche verlieben zu können, nicht in erster Linie als Problem, sondern als positives Potential sehen, mit dem verantwortungsvoll umgegangen werden kann und muss, und die deshalb bereits ganz unbemerkt jenen Platz in der Gesellschaft gefunden haben, den die beiden Filmemacher für „Menschen wie Sven“ verzweifelt suchen. Denn eine solche mediale Auseinandersetzung mit dem Thema würde der heteronormativen Gewalt, mit der das bürgerliche Ideal von Ehe und Familie von ihren ideologischen Vertretern nach wie vor bis aufs Blut, auf Kosten sogar der von ihnen so geliebten bürgerlichen Freiheiten, verteidigt wird, zuwider laufen.

Nachtrag 4.4.2012: Wie aus verschiedenen Internet-Quellen hervorgeht, handelt es sich bei „Sven“ um einen jungen Mann, der bei ITP-Arcados schonmal ein ausführliches Interview zu seiner Pädophilie gegeben hat. Darin stellt er sich deutlich differenzierter dar, z.B. spricht er sich für platonische Kontakte zwischen Kindern und Pädophilen aus und wirkt alles in allem selbstbewusster als die Filmemacher ihn in dem Interview darstellen.


8 Antworten auf “Meine Pädophilie ist nicht die der Gesellschaft”


  1. 1 Dieter.Gieseking 04. April 2012 um 10:52 Uhr

    Hallo Ganymed,
    hallo Besucher/Innen !

    Dieser Bericht ist Dir einmal mehr sehr gut gelungen. Aus diesem Anlass habe ich dazu auch erneut auf meinen Webseiten ein News publiziert und einen Link nach hier gesetzt.

    Diesen Inhalt sollten sich nicht nur die Pädophilen durchlesen, sondern besonders auch die Bevölkerung und insbesondere die Vertreter der sogenannten Mainstream-Medien.

    Vielleicht hat dann auch ein anderer Dokumentarfilmer eines Tages den Mut, eine weitere Dokumentation zum Thema Pädophile zu produzieren. Denn die Wahrheit lügt nicht…

    Gruß Dieter-K13

  2. 2 Jerry Hoss PhD 08. April 2012 um 10:31 Uhr

    Nur Mut, die Hexenjagd kann nicht ewig dauern. Die Kinder selber werden sie evtl beenden. Die haben mehr Intelligenz, Instinkt und natürliche Libido als man ihnen zugesteht und gestattet. Man beachte nur die zahlreichen von Kindern selber produzierten KiPos, die durch das Internet und über Smartphones geistern. Wenn dir aber die Atmosphäre im sog „christlichen Abendland“ zu beklemmend wird, gönne dir einen Auslandsaufenthalt in nicht-Christlichen Ländern. Viel Spass, Glück und Erfolg.

  3. 3 Jerry Hoss PhD 08. April 2012 um 10:37 Uhr

    Jerry Hoss PhD, pansexueller Autor
    Kontakt: milf.176(ät)hush.com oder Skype: milf(punkt)184

  4. 4 Perry Lomax 09. April 2012 um 5:43 Uhr

    Ein bemerkenswerter Artikel, der für viele wohl um vieles wertvoller und bereichernder ist als z. B. 100 Sitzungen in einer sogenannten „Therapie“. Genau zu diesem Stichwort möchte ich anmerken: Abgesehen vielleicht von extrem wenigen positiven Ausnahmen kann gar nicht eindringlich genug vor „störungsspezifischen“ Therapien gewarnt werden. Ich habe solche mehrfach versucht und musste schließlich zweifellos erkennen, dass deren wesentlicher Zweck einzig und alleine darin besteht, dem Betroffenen eine ganz bestimmte psycho- bzw. soziosexuelle Identität nicht nur zuzuweisen, sondern in ihm auch möglichst tief zu verankern: Ein Selbstbild, das genau dem entspricht, was der Normalbürger offenbar dringend als personifizierte Projektionsfläche benötigt. Im Grunde laufen solche Therapien auf folgendes Credo hinaus: Du hast es verdammt noch mal endlich ohne wehleidiges Gejammer und möglichst unhinterfragt zu akzeptieren, dass du depressiv, psychisch-sozial krank, frustriert, unausgeglichen, ausgegrenzt, verunsichert, selbstmordgefährdet bist. Denn NUR so (und keinesfalls anders) können und wollen wir das Allerhöchste, Wertvollste, Heiligste, das WIR haben, vor einem wie DIR beschützen: UNSERE Kinder.

  5. 5 pitt 22. April 2012 um 18:34 Uhr

    Ein sehr guter Text!

  6. 6 Sascha 22. Mai 2012 um 14:22 Uhr

    Ein Therapeut hat uns gesagt, dass es für viele Fachleute ganz schwer ist, sich in diese Fantasien reinzuversetzen. Das ist wie für uns alle ein Tabu. Man will sich nicht ausmalen, was in diesen Menschen vorgeht.

    Wer sowas schon erzählt, bei dem kann man fast sicher sein, dass er lügt. Schließlich, warum sollte ich Schwierigkeiten haben, mich in einem Menschen hineinzuversetzen, der sich in Erwachsene oder Mädchen verliebt? Ich kann die Gefühle nicht richtig nachempfinden, klar, aber wo soll das Problem sein? Einfach dieselben Empfindungen, die ich bei Jungs habe (und auch das ja nicht bei jedem Jungen) halt bei anderen Menschen.

    Hinzu kommt noch, dass es noch in viel direkterem Sinn verlogen sein dürfte – die Therapeuten und Sexualwissenschaftler vergangener Zeiten hatten solche Schwierigkeiten jedenfalls nicht, wie Brongerma in Loving Boys II, 129, http://paisleli66axejos.onion/showthread.php?tid=153 schreibt:

    As we have already seen in Chapter TWo, there is a certain percentage of
    paedophile tendencies in every man and in every woman. „The paedophile
    impulse is present in some form or other in all adults.“ (Lambert 1976, 88,
    127) „Arousal pattems previously defined as deviant“ i.e. „response to
    immature persons“ were found in laboratory tests in „normal“ adult
    homosexuals(Y aff6 1981,7 9) „Paedophilia,t he love and sensuouse xperience
    of child and youth,i s a normala ndu niversapl henomenon.“( Gordon1 976,44)
    We all fornrnately love children, to a greater or lesser degree. In some people
    this love may be so strong that it forms the mainspring of their personalities,
    colouring their way of life, permeating everyttring; we call these people
    „paedophiles“. In other individuals it is neaker, or less conscious. „During
    deep analysis paedophilic fantasies are often discovered-fantasies of which the
    patient had been largely or wholly unawar€.“ (Kraemer 1976,1) There is „a
    latent pedophilic desire that may be relatively dormant in most males universally“
    (Trimble 1968,37).In the Westt oday,i ts expressionas re prohibited
    and therefore repressedb, ut the feeling is there neverthelessW. ilhelm Stekel,
    one of the fathers of psychoanalysis, wrote, „According to my experience,
    paedophiliac onstitutesa nearly normal componento f the sexuali mpulse.N early
    everybody, at times, detects such thoughts in himseU. But they will be rejected,
    disclaimed and condemned with all ttre emotionalism of moral indignation.
    Many people of high intellectual standing have admitted to me that sinful
    thoughts had surprised them while they nere looking at children (…) We fail
    to appreciate the immense degree to which paedophilia is prevalent among
    women and men.“ (Stekel L922,3II) Nearly 60 years later another sexologist,
    ProfessorS chorschs, aid that the questionr eally was why most adultsd id nor
    seekc hildrena s sexuapl armers( 1980,1 32).F eelingso fattractioni n adults“ for
    boys and girls in the years immediately following puberty are experienced by
    rather more adults than most of them are prepared to acknowledge.“ (Righton
    1981,2 5).
    The advertisingi ndustry recognisesth is clearly. „Therefore theseu nconscious
    impulses are played upon unambiguously in visual publicity. Advertising images
    of the erotic child are not directed just toward ttrat small minority of morbid
    paedophiles but are always aimed at all adults in whom similar desires are
    simply repressed.“P rofessorS chorsch,c iting the plethysmographre searcho f
    Freund, observes „that children, especially little girls, are an exciting sexual
    objectf or non-devianmt alesa s well.“ (Reinacher1 980, 163). „Freund found
    that normal males show some sexual arousal to child stimuli. (…) Presumably,
    most males make non-sexual atnibutions of such arousal when it occurs,
    precluding the necessity to define themselves as deviant. (…)

  7. 7 Jerry Hoss PhD 23. Mai 2012 um 13:05 Uhr

    So what else is new??? Wir sind alle paedophil, sonst würden Menschen ihren Nachwuchs nicht lieben, sondern auffressen!

  8. 8 Jerry Hoss PhD 23. Mai 2012 um 13:09 Uhr

    Noch ein weiser Spruch:
    Paedophilia is Mother Nature’s way to take care of orpahns and single mothers!

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