„Das reine Kind“

Weil Menschen mit einer pädophilen oder päderastischen Neigung nicht nur gerne als „Kinderficker“, sondern auch als „Kinderschänder“ bezeichnet werden, für die dann auch mal ganz charmant die Todesstrafe gefordert wird, habe ich in Gigi Nr. 38 vom Juli/August 2005 nachgeschlagen und prompt eine sehr treffende Herleitung dieses Begriffs gefunden. Sebastian Anders schreibt dort in seinem Aufsatz „Das impotente Kind“, in dem er übrigens sehr gut die sog. Konsensmoral, also die Moral vom „informierten Einverständnis“ zwischen zwei Sexualpartnern, argumentativ abwatscht, folgendes:

Was genau diese [soziale] Bedeutung [der Sexualität] sein soll, [die Kinder angeblich nicht kennen,] erklärt [der US-amerikanische Missbrauchsforscher David] Finkelhor gerade nicht. Vielmehr verläßt er sich darauf, daß Sexualität als etwas Negatives und moralisch Verwerfliches begriffen wird, deren Ausleben nur unter gewissen Umständen gesellschaftlich gestattet ist und eine gewisse moralische Mindestreife voraussetzt, über die Kinder eben nicht verfügen. Das Verbrechen – und nur im sexuellen Lebensbereich ist es ein Verbrechen – besteht nun darin, das unwissende und moralisch unreife und reine Kind zu einer moralisch verwerflichen Tat zu bewegen. Das Kind verliert – durch die ihm zugeschriebene Asexualität – seine Reinheit und Unschuld. Die Sprache verrät dabei ihre Sprecher: Der „Kinderschänder“ ist nicht etwa einer, der Schande über sich, sondern über das Kind bringt. Das „reine“ und (sexuell) „unschuldige“ Kind wird durch Sexualität mit „Schande“ beladen. Wie im vorletzten Jahrhundert wird Sexualität unbewußt in Konzeptionen wie Schuld und Schande begriffen.

Und nicht nur das: diese Auffassung vom Kind als unschuldigem, „reinem“ Menschen ist ja eine ideologische: wir haben, trotz aller gegenläufigen Tendenzen, immer noch das Ideal von der glücklichen Kleinfamilie, in der der Nachwuchs in zweierlei Sinne eine wichtige reproduktive Funktion erfüllt: zum einen die Reproduktion der Familie (als „Stammhalter“), zum anderen die individuelle Reproduktion der älteren Familienmitglieder dergestalt, dass diese im Nachwuchs Zerstreuung, Freizeitgestaltung und nicht zuletzt auch Lebenssinn finden. Ein sexuell aktives Kind, ein Kind mit eigenen Wünschen und Begierden, passt in dieses Schema nicht hinein: um für die als Lohnarbeiter tätigen Eltern reproduktiv funktionieren zu können, muss das Kind „rein“ und „unschuldig“ sein, sonst ist es kein Gegenpol mehr zur brutalen Welt der Erwachsenen (zum „Ernst des Lebens“), sondern selbst so etwas wie ein kleiner Erwachsener, ein Konkurrent gar auf dem für die Erwachsenen reservierten Feld der Sexualität. So wird auch das angestrebte repressive Sexualstrafrecht, das von dem Paradigma des „informierten Einverständnisses“ lebt, erklärbar als Versuch, das Kind als unmündiger Mensch aus der Welt des Erwachsenen systematisch fernzuhalten: unter dem Deckmantel des Schutzes der Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen wird gerade diese Selbstbestimmung ihnen abgesprochen – sie werden entmündigt. Der Soziologe Michael Schetsche nennt dies in seinem Text „Der einvernehmliche Mißbrauch“ (zitiert nach Anders 2005) das „Selbstbestimungs-Paradoxon“:

Wie kann im Rahmen eines – zumindest programmatisch – auf die sexuelle Selbstbestimmung abhebenenden Strafrechts der Schutz der Individuen begründet werden, denen (z.B. aus Altersgründen) ein Selbstbestimmungsrecht gerade nicht zugestanden wird.“

Das ist entlarvend und stellt das gesamte Sexualstrafrecht unter einen geradezu grotesken Schatten. Wo „das reine Kind“ als Ideal konstruiert wird, muss gefragt werden, wem das nützt und wem das schadet. Die Kinder und Jugendlichen jedenfalls haben nichts davon außer einem evtl. Knastaufenthalt, wenn sie ihre Freunde oder Freundinnen demnächst zum Eis einladen und danach mit ihnen schlafen – das könnte dann nämlich schon Missbrauch sein, wenn der neue Paragraph 182 StGb umgesetzt wird. Und der 12jährige Junge, der mit seinem erwachsenen Freund zusammen onaniert und das völlig okay findet, muss Angst haben vor Verhören, Psychiatern, Gerichten, denn er darf das nicht, er hat „rein“ zu sein, „unschuldig“, und ist er das nicht, wird er – obwohl er das nicht will – vom Staat „beschützt“, und das heißt: bestraft.


8 Antworten auf “„Das reine Kind“”


  1. 1 Johannes Brinkmann 19. Juni 2008 um 12:17 Uhr

    „…der 12jährige Junge, der mit seinem erwachsenen Freund zusammen onaniert und das völlig okay findet,..“
    Wie alt ist dieser erwachsene Freund? Ich denke, das macht schon einen Unterschied! Ist er gerade mal 18 oder ist er schon älter, sagen wir 40? Da stellt sich mir die Frage, was denkt dieser Freund sich bei diesem „harmlosen“ Vergnügen, und was hat er dazu beigetragen, dass es zu dieser gemeinsamen Onanie kam, und wohin zieht es ihn noch, wie weit will er mit dem 12jährigen Jungen gehen? Kann ein 12jähriger Junge wirklich klar unterscheiden, welches seiner sexuellen Taten seinem eigenen autonomen Willen entspringt, und kann er erkennen, was an des erwachsenen Freundes Verhalten manipulativ übergriffig ist? Was heute noch dem Jungen gefällt, kann ihm morgen schon bitter aufstoßen und zur psychischen Belastung werden!

  2. 2 Administrator 20. Juni 2008 um 14:56 Uhr

    Das sind doch Allgemeinplätze, die passen auf alle Menschen, nicht nur auf die 12jährigen. Ich denke, wir haben alle mal irgendwas gemacht, was wir später bereut haben. Warum aber ausgerechnet etwas so natürliches und schönes wie Sexualität einfach so später mal bereut werden soll, erschließt sich mir nicht. Da müssen schon andere Faktoren hinzu kommen: Homophobie, sexualfeindliche Moral, Justiz. Und selbst unter diesen belastenden und geradezu destruktiven Umständen sind glückliche Beziehungen möglich.

  3. 3 bigmouth 20. Juni 2008 um 16:21 Uhr

    „natürlich“ ist n scheißargument, und „schön“ ist sexualität auch nicht unbedingt – wenn sie zb einem in der rückschau als erzschlichen/erbettelt klar wird. das ist etwas intimes, was man mit jemandem teilt. das bereut man doch viel eher, als mal zu viel gesoffen zu haben.

    im übrigen sind 12jährige hier und heute ja wirklich nur juristisch noch kinder

  1. 1 Ahmadinedschad frisst kleine Kinder! | Herbst in der Seele Pingback am 30. August 2007 um 19:26 Uhr
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