Thomas sah den Schneeflocken zu, die bedächtig aus dem aschfahlen Himmel gen Boden fielen, und dachte an seine Mutter. Da oben soll sie jetzt sein, hatte Vater gesagt, da oben, wo man überhaupt nicht hinschauen konnte, weil alles gleich aussah, undurchdringlich, dicht. Thomas haßte den Schnee; er nahm ihm die Sicht auf seine Mutter. „Du mußt nicht traurig sein“, hatten sie gesagt, bevor es zu Ende war, „sie wird dich immer beschützen, denn sie ist ja dann im Himmel.“ Ein aschfahler Himmel, keine Lücke, ja toll. So geht das doch nicht, dachte Thomas, und sprang vom Fensterbrett.
„Papa, ich geh raus, spielen!“ rief er und zog sich Jacke und Schuhe an. Sein Vater saß im Wohnzimmer und starrte auf den Weihnachtsbaum, der geschmückt werden wollte; es kam ihm vor wie ein Vorwurf. Langsam drehte er seinen Kopf in Thomas’ Richtung. „Was?“ kam es tonlos aus seinem Mund.
„Ich geh raus, spielen“, sagte Thomas noch einmal und wandte sich dann zur Tür. Sein Vater reagierte kaum, das kannte Thomas, das war so, seit Mutter fort war. Es störte ihn nicht mehr sonderlich, er hatte sich daran gewöhnt, aber er hoffte, daß es sich eines Tages wieder ändern würde, so werden würde wie früher, als sie fröhlich zusammen Weihnachten gefeiert hatten.
Dieses erste Weihnachten ohne seine Mutter war für Thomas sowieso kein richtiges Weihnachten. Es war alles so anders, so undurchdringlich; die Luft wirkte dick wie die Wolkendecke, aus der immer noch der Schnee herab rieselte. Dieses ganze Halbjahr, sein erstes auf dem Gymnasium, erschien ihm immer mehr wie eine dieser gruseligen Fahrten im Nebel, wenn es Herbst war und sie zu dritt von Oma und Opa abends nach Hause gefahren waren. Wenn es doch wieder hell würde, dachte Thomas und stiefelte durch den Schnee auf sein Baumhaus zu.

Er war der Herrscher der Welt. Er schaute über das weite Feld, die alten Häuser, die Menschenmengen, hinweg über die Täler und Hügel seiner Heimat, weit hinaus auf das Meer, dorthin, wo das Abenteuer winkte, er ein Pirat sein konnte, ein Freibeuter auf den sieben Weltmeeren, unerschrocken, frei, der klare Himmel über ihm, sein Holzschwert fest in den Händen.

Mit einem Holzschwert kommt man nicht weit, dachte Thomas und lächelte ein bißchen, als er das vom Wetter gezeichnete Ding in seiner Hand betrachtete, das er im Spätherbst hier oben vergessen hatte. Dann schaute er wieder auf, auf die Straße vor dem Garten, auf der seit zwanzig Minuten kein Auto mehr gefahren war. Wie mit Puderzucker bestreut lag sie da, von Straßenlaternen gesäumt, die jetzt, da es es schon langsam dunkel wurde, immer noch nicht leuchteten, warum auch immer. Thomas freute das, denn er hatte keine Lust auf Licht, auf Lärm, auf Leute, er wollte hier sitzen und frieren und warten, daß seine Mutter ihn ins Haus rief zu warmen, duftenden Keksen.
Wozu eigentlich Straßenlaternen? Es gab doch ohnehin schon viel zuviel Licht in der Straße, dachte Thomas. Diese ganze blöde Weihnachtsbeleuchtung ging ihm sowas von auf die Nerven, jedes Haus war voll mit diesen blöden Lichtern, sie schienen ihn zu verhöhnen, ihm zuzurufen, daß doch alles ganz normal sei, halt Weihnachten. Thomas spuckte aus und schaute mit böse funkelnden Augen die Straße herunter. Kurzentschlossen kletterte er vom Baumhaus herunter, steckte ein paar dicke Steine aus dem Blumenbeet in seine Jackentasche und verlies den Garten. Sollten sie doch sehen, was Weihnachten für ihn bedeutete!

An den ersten Häusern ging er zügig vorbei, trotzig die Weihnachtslichter anstarrend, die Steine in seiner Jackentasche mit den kleinen Händen hin und her wendend. Sein Atem bildete in der eisigen Atemluft hastige Wolken; er keuchte vor Anstrengung und Wut auf die Welt. Es war ungerecht. Einfach ungerecht!
Jetzt war er in einer anderen Straße. Wieder diese Beleuchtung: bunte Lichter, kitschige Weihnachtsmänner, einer hatte sogar „Merry Christmas“ als Leuchtgirlande in seinem Fenster hängen. Na warte, dachte Thomas und holte aus. Der Stein flog in hohem Bogen Richtung Fenster, aber er traf es nicht, er prallte von der Hauswand ab und blieb im Vorgarten liegen. Thomas starrte kurz mit aufgerissenen Augen auf das Haus, als ihm bewusst wurde, was er da beinahe getan hätte, und nahm dann die Beine in die Hand: schnell in die nächste Straße rein, einen Fußweg hinunter, bevor er schließlich keuchend stehen blieb und sich erst einmal umsah, ob ihm jemand folgte.
Nichts. Er war allein. Und es war jetzt fast schon ganz dunkel. Thomas schaute sich um. Auch hier gab es Weihnachtsbeleuchtung; aber nicht überall. Ein Haus fiel ihm auf, das kaum beleuchtet war. Nur ein Fenster war hell, es gehörte wohl zu einer kleinen Wohnung, in der zur Zeit kein Licht brannte, und die Helligkeit kam von einer großen blauen Kerze, wie Thomas bei näherem Hinsehen feststellte. Das fand er komisch – wer zündete denn nichts als eine große blaue Kerze an so kurz vor Weihnachten?
Neben ihm wurde es plötzlich hell; eine Straßenlaterne sprang flackernd an und verbreitete ihr ungemütliches Neonlicht. Verdammte Scheiße, dachte Thomas, ich will es jetzt dunkel haben! Wütend trat der Junge gegen die Laterne, einmal, zweimal, dreimal, aber das kümmerte die gar nicht, sie flackerte einfach weiter, und Thomas hörte auf sie zu treten, lehnte sich an sie und rutschte weinend daran herab, bis auf den bepuderten Boden.
„He, du, alles in Ordnung?“
Thomas schaute auf, die Wangen von seinen Tränen benetzt, direkt in das Gesicht eines etwa dreißig Jahre alten Mannes, der mit verschränkten Armen und einem Schal um den Hals bibbernd vor ihm stand und irgendwie versuchte freundlich zu lächeln, was ihm aber nicht ganz gelang, fand Thomas.
„Nein. Nichts ist in Ordnung. Lassen Sie mich in Ruhe“, sagte er.
„Du sitzt hier weinend bei Eiseskälte auf der Straße. Da lasse ich dich bestimmt nicht in Ruhe“, meinte der Mann mit gerunzelter Stirn und streckte die Hand aus. „Komm, ich helf dir auf.“
Thomas schaute kurz auf die Hand vor seiner Nase, verschränkte dann aber die Arme vor der Brust. „Nein. Meine Mutter ist tot. Ich will auch tot sein. Das ist ein Scheiß, alles. Scheiß Weihnachten. Scheiß Schnee. Ich will tot sein!“ schniefte er, bevor ihn plötzlich zwei starke Arme unter den Achseln packten und auf die Beine stellten.
„Was du willst, ist ein heißer Kakao!“ stellte der Mann fest und drückte Thomas sanft in Richtung der offenen Haustür. „Ich hab gerade zufällig einen da.“
Da hat er schon irgendwie Recht, dachte Thomas. Sterben kann ich ja auch hinterher noch. Also folgte er dem Mann, der nun schon vorgegangen war, langsam durch die Haustür das Treppenhaus hinauf bis in dessen Wohnung.

Der Kakao tat gut. Thomas und der Mann saßen nebeneinander auf einer Küchenbank und schlürften an ihren Tassen herum. Der Kakao war heiß, wie der Mann versprochen hatte, und auch in der Wohnung war es warm und gemütlich. Nicht besonders aufgeräumt, aber dafür wenigstens kein Weihnachtskitsch. Nur diese blaue Kerze im Fenster, zu der Thomas immer wieder neugierig herüber schielte.
„Was ist das für eine blaue Kerze?“ fragte er plötzlich, nachdem ein paar Minuten lang außer dem Schlürfen des Kakaos keine weiteren Geräusche zu hören gewesen waren. Der Mann schaute auf. „Ach, das… das ist, weil heute ein besonderer Tag für mich ist. Und es ist gemütlich… finde ich.“
„Hm. Okay.“ Thomas wollte nicht weiter nachfragen, was für ein besonderer Tag das war, es war ihm schon ein bisschen unangenehm, dem Mann hier dessen Zeit zu stehlen.
„Wie findest du sie denn?“ fragte der dann.
„Ganz nett. Gemütlich. Was anderes als dieser Weihnachtskitsch überall“, antwortete Thomas, „wohnst du hier alleine?“
Der Mann lächelte. „Ja, das hier ist mein eigenes kleines Reich. Wohnst du auch hier in der Gegend?“
„Ein paar Straßen weiter. Mit meinen Elt…“ – Thomas stockte – „ich mein, mit meinem Vater.“
Der Mann schaute Thomas lange an. „Weißt du, ich habe auch nicht mehr meine ganze Familie“, sagte er dann.
„Ist deine Mama auch tot?“ wollte Thomas wissen.
„Nein, nein… aber… sie hat mir gesagt, ich sei nicht mehr ihr Sohn.“ Er schaute traurig zur Seite. „Frag besser nicht, warum… es ist eine lange und komplizierte Geschichte.“
„Hm… das ist ja doof“, fand Thomas und stellte seinen Kakao ab. „Weißt du, meine Mama hat mich immer lieb gehabt, aber dann kam der blöde Krebs und das Krankenhaus und alles, und jetzt ist sie tot, und wir können gar nicht richtig Weihnachten feiern und alles, und ach, das ist alles doof, ich…“, aber da hatte schon ein starker Arm seinen Weg um Thomas’ Schultern gefunden und den Jungen an sich gezogen. Thomas drückte sein Gesicht an die Brust des Mannes und weinte hemmungslos drauflos, während der Mann sanft über Thomas’ Haare strich. „Es ist gut… es wird alles gut…“ flüsterte er, unfähig, irgendetwas Vernünftiges von sich zu geben angesichts des Kummers des Jungen in seinem Arm.
„Nichts wird gut…“ schniefte Thomas. „Mama ist tot und kommt nicht wieder.“
Der Mann seufzte. „Das stimmt. Aber dein Vater lebt. Und du lebst auch. Ihr habt noch soviel vor euch, gemeinsam.“
„Sie sagen, Mama guckt von oben herunter und passt auf mich auf. Aber das stimmt nicht. Die Wolken sind zu dicht. Sie kann gar nichts sehen!“
„Weißt du, ich glaube, du hast Recht. Sie ist gar nicht da oben. Da oben ist es kalt und grau. Aber weißt du, wo sie immer sein wird?“
Thomas schaute auf. Sein tränenverschleierter Blick traf sich mit dem des Mannes. „Nein, wo?“ flüsterte er.
„Hier, mein Kleiner“, sagte der Mann und legte seine große warme Hand auf die Brust des Jungen, dahin, wo dessen Herz jetzt ganz schnell schlug. „Sie wird immer in deinem Herzen sein und in deinen Gedanken. Da lebt sie weiter. Sie wird immer deine Mutter bleiben.“
Thomas seufzte. „Das ist schön…“ Und auch der zweite Arm des Mannes legte sich um den Jungen, er drückte ihn ganz fest an sich, und so verharrten sie eine ganze Weile, dem Atem des jeweils anderen lauschend, in diesem Moment geborgen.

„Wie heißt du eigentlich?“ wollte Thomas wissen, als er seine zweite Tasse Kakao zur Hälfte geleert hatte.
„Christopher“, sagte der Mann, „und du?“
„Thomas. Wohnst du schon lange hier? Ich hab dich noch nie gesehen.“
„Eine Weile… aber ich gehe nicht so oft raus“, antwortete Christopher.
„Wieso nicht? Es ist doch schön da draußen“, meinte Thomas.
Christopher lächelte. „Ach ja? Vorhin wolltest du noch tot sein, und jetzt ist die Welt da draußen plötzlich schön? Das nenn’ ich mal einen Sinneswandel!“
Der Anflug eines Grinsens huschte über Thomas’ Gesicht. „Hast du noch Kakao?“ fragte er dann, nachdem er seine leere Tasse abgesetzt hatte.
„Du hast einen Milchbart“, grinste Christopher, und Thomas wurde rot und wischte sich schnell den Mund ab. „Ich glaube, zwei Tassen sind jetzt erstmal genug, oder? Ist leider auch nichts mehr da, und dein Vater macht sich vielleicht schon Sorgen. Aber wenn du Lust hast, kannst du immer vorbei kommen, um mit mir eine Tasse zu trinken.“
Thomas sah den Mann aufmerksam an. Er war sehr freundlich. Dunkle, etwas traurige Augen in einem fein geschnittenen Gesicht, strubbelige braune Haare. Die Kerze im Fenster. Ja, er würde wiederkommen.
„Okay“, sagte er dann, „ich geh jetzt. Frohe Weihnachten.“
„Dir auch, kleiner Freund“, verabschiedete Christopher den Jungen und öffnete ihm die Wohnungstür. Auf der Schwelle drehte Thomas sich noch einmal um.
„Und danke… für den Kakao“, sagte er noch und lief schnell die Treppe hinunter, damit sein Vater sich keine Sorgen machen müßte: Mama lebte weiter, das wußte er jetzt, und er mußte ihm nur noch zeigen, wo.